Wort zum Sonntag
Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.
Wort zum Sonntag 10.05.2026
Atmen ist Leben
Mein 25-jähriges Ich hätte sich lustig gemacht über diesen Satz: “Atmen ist Leben.” Das weiß doch jedes Kind, hätte ich gedacht. Aber wie glücklich mich das Atmen macht – das hätte ich vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten. Aber jetzt hat der Satz “Atmen ist Leben” eine neue Bedeutung. Wenn ich immer wieder, ganz bewusst langsam und tief in Bauch und Rücken hinein atme, fühle ich mich so ruhig und gleichzeitig so lebendig wie selten. Wenn ich den Blick nach innen wende, bei jedem Ein- und Ausatmen und den Atempausen bis vier zähle, kommen mein Körper, meine Seele und mein Geist zusammen. Ich komme zu mir selbst, in diesem einen Moment meines Lebens. Meine Bewegungen verlangsamen sich, meine Gedanken hören auf zu kreisen und meine Gefühle zeigen sich. Und dann merke ich, wie ich gerade lebe. Wie schnelllebig ich mich mal wieder durch den Tag hetze und wie flach ich gerade noch geatmet, gehechelt habe. Überrascht entdecke ich dann manchmal auch, dass ich die Luft anhalte: Vor Spannung oder Schreck. Und ich staune, wie lange ich ohne neuen Atemzug auskomme, wenn ich aufwache. Und wie wenig ich brauche, nämlich nur den nächsten Atemzug. Aktiv anders zu atmen, lässt mich spüren, wie tief mein Seufzen geht oder wie weit sich mein Brustkorb weiten kann- und will. So zu Atmen tut mir einfach nur gut und bringt mich in Kontakt mit mir und meinen Wurzeln. Ich kann es nicht anders beschreiben, als dass es mir vorkommt, als wenn ich mir selbst wieder Lebenskraft einhauchen lasse – und davon nicht zu wenig, zu flach oder zu selten. Das ist mehr als eine Atempause, dann bin ich in Kontakt mit meiner Kraftquelle. Denn dann ahne ich etwas von dem Wunder des Lebens, das jedem und jeder von uns geschenkt wird, die auf dieser Erde leben. Dann ahne ich, was es bedeutet, wenn in der Bibel steht, dass Gott durch das Einhauchens des Atems des Lebens aus jedem Menschen eine lebende Seele macht. (1. Mose 2,7)

Pfarrerin Katrin Berger
Kirchengemeinde An der Bergkante, Minden, Hille & Bad Oeynhausen
Wort zum Sonntag 03.05.2026
Sie ist nicht auf ihrem Zimmer. Merkwürdig, denke ich. Es ist doch ihr Geburtstag. Habe ich vielleicht die Zimmernummer verwechselt? Nein. Zimmer 115, Luise Krause. Das Pflegeheim-Team hat sogar einen kleinen Blumenkranz aus Papier an die Tür geheftet. Plötzlich öffnen sich die Fahrstuhltüren auf dem Gang und sie wird im Rollstuhl herausgeschoben. „Frau Krause“, rufe ich, „herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“. Die alte Frau lächelt mich an. Ich weiß, dass mein Zeitfenster beschränkt ist. Gleich beginnt das Mittagessen. Dann wird die Pflegerin wiederkommen und sie abholen.
Zeit mit einem demenzkranken Menschen zu verbringen, ist nicht leicht. Nach fünf Minuten scheint man gewöhnlich alles gesagt zu haben. Dann folgen nur noch Wiederholungen. Das, was eben noch Neues erzählt worden ist – vergessen.
Doch plötzlich steht eine neue Frage im Raum: „Woher kommen Sie eigentlich?“ Überrascht beginne ich zu erzählen von unserem Dorf an der Weser und ihrem Haus, das dort steht. Ich berichte ihr, wie gut ihre Rosen wachsen, die sie immer mit viel Liebe gepflegt hat. Ich erzähle von unseren Gottesdiensten und dem Platz in der Kirche, der stets ihr gehört hat: ihr Stammplatz. Wie sie bei allen Ereignissen in der Gemeinde immer dabei gewesen ist; tatkräftig und hilfsbereit. Währenddessen sagt sie kein Wort. Sie hört mir nur aufmerksam zu. Dann sagt sie: „Was sie alles von mir wissen! Wie schön!“ Ich muss schlucken. Demenz ist eine furchtbare Krankheit. Doch zu wissen, dass ich gehalten werde von jemandem, der sich weiterhin auskennt, der Bescheid weiß über mich und mein Leben und alle meine Eigenarten kennt, selbst, wenn ich sie vergessen habe, ist für mich tröstlich. Selbst wenn ich den Überblick verloren habe und mich nicht mehr zurechtfinden kann – in mir drin und um mich herum – gibt es diesen einen, Gott, der genau weiß, wer ich bin. Am Ende zu ihm sagen zu können: „Was du alles von mir weißt! Du hast ja tatsächlich nichts vergessen.“ Das lässt meine Angst vor Demenz kleiner werden.

Pfarrerin Esther Witte
Kirchengemeinden Schlüsselburg, Heimsen, Windheim/Neuenknick
Endlich Wochenende – aber die Ruhe fehlt
Endlich Wochenende. Endlich Zeit für Erholung. Mein Kalender war in der vergangenen Woche gut gefüllt: Arbeit, Familie, Sport, Verabredungen, Verpflichtungen – eins reihte sich ans andere.
Jetzt liegen zwei freie Tage vor mir, und ich freue mich darauf, einfach mal auszuspannen. Doch ich merke: So richtig zur Ruhe komme ich nicht. Immer gibt es noch etwas zu tun: Wäsche, Einkaufen, Haushalt, Dinge, die unter der Woche liegen geblieben sind.
Im Matthäusevangelium lese ich einen bemerkenswerten Satz über Jesus: „Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg Jesus allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.“ (Matthäus 14,23)
Hinter Jesus liegt ein anstrengender Tag. Er hat gepredigt, geheilt, Menschen geholfen und Tausende satt gemacht. Viele haben etwas von ihm erwartet, vieles hat an ihm gezehrt. Und dann?
Er sucht die Nähe Gottes. Jesus zieht sich zurück an einen stillen Ort, um zu beten und aus der Verbindung zu seinem Vater neue Kraft zu schöpfen. Er bringt vor Gott, was ihn bewegt und belastet.
Das ist ein wichtiger Gedanke für mich: Nicht allein die Pause erholt, sondern die Zeit mit Gott in der Pause. Natürlich brauche ich Schlaf, Ruhe und freie Zeit. Aber oft bleibt trotzdem eine innere Unruhe zurück – der Körper ruht, doch die Seele kommt nicht wirklich zur Ruhe.
Zeiten mit Gott sind deshalb kostbar. Bei ihm darf ich loslassen, muss nichts leisten und nicht stark sein. Bei ihm darf ich einfach sein. Wenn ich bete, still werde und ihm sage, was mich beschäftigt, erschöpft oder sorgt, dann muss ich diese Last nicht mehr allein tragen.
Ich glaube, heute starte ich den Tag einmal anders: mit einem Spaziergang. Und dann erzähle ich Gott einfach von meiner Woche – von dem, was mich gefordert hat, von dem, was schwer war, und von dem, wofür ich dankbar bin und was mich erfreut hat. Vielleicht ist genau das ein guter Weg ins Wochenende: sich wie Jesus bewusst zurückzuziehen – und Gott wieder Raum zu geben.

Michael Vitt
Gemeindepädagoge, Ev.-Luth. Kirchengemeinde An der Bergkante