Wenn nachts die Luftschutzsirenen heulen, fährt Jana Berkut mit ihrem dreijährigen Sohn Myroslav (Name geändert) in die Tiefgarage eines nahegelegenen Baumarkts. Dort, zwischen Betonpfeilern und parkenden Autos, schläft der Junge auf den umgeklappten Rücksitzen des Familienwagens.

Für eine Woche war das anders. Da hörte Myroslav keine Sirenen. Er sah das Meer.

Rund 1500 Kilometer liegen zwischen seiner Heimat in der Ukraine und der Nordseeinsel Langeoog. Dorthin hatte der Evangelische Kirchenkreis Minden Kinder und Angehörige gefallener ukrainischer Soldaten eingeladen. Eine Woche lang konnten sie im Haus Mariensee der Mindener Mariengemeinde Abstand gewinnen von dem Krieg, der ihr Leben bestimmt.

Für Myroslav bedeutete das vor allem eines: Er konnte spielen. Am Strand, auf dem Fahrrad, mit anderen Kindern. Ein paar Tage lang musste er nicht verstehen, warum Erwachsene Angst haben.

„Ich bin so dankbar dafür, dass meine Kinder hier einmal erfahren durften, wie sich Frieden anfühlt“

Mit Myroslav und seiner Mutter Jana machten sich rund ein Dutzend Kinder und junge Erwachsene sowie 17 Mütter und Großeltern auf den Weg nach Deutschland. Zwei Tage dauerte die Fahrt im Bus durch die Ukraine, über Breslau und weiter bis nach Bensersiel. Von dort ging es mit der Fähre nach Langeoog.

Die Gruppe war ungewöhnlich vielfältig. Das jüngste Kind war zwei Jahre alt, die älteste Teilnehmerin 82. Die Menschen kamen aus unterschiedlichen Regionen der Ukraine und kannten sich teilweise vorher nicht. Was sie miteinander verband, war der Verlust eines Mannes, Vaters oder Sohnes, der als Soldat im Krieg gefallen war. „Man könnte von einem Querschnitt durch die ukrainische Gesellschaft sprechen“, sagt Superintendent Michael Mertins. Er besuchte die Gruppe auf Langeoog und erlebte dort, wie aus Fremden langsam eine Gemeinschaft wurde.

Begleitet wurde die Reise von einem Team aus der Ukraine und Deutschland. Dazu gehörten der ukrainische Geistliche und Militärseelsorger Iob Olshansky, Übersetzer, psychologische Begleitung und der Leiter einer vom Kirchenkreis Minden unterstützten Rehaklinik in der Region Lwiw. Aus Minden waren neben Superintendent Mertins  mit Christoph Ruffer und Oliver Vogelsmeier das Leitungsteam des Kirchenkreises dabei, dazu weitere Seelsorger und die ukrainische Psychologin Katheryna Kalinichenko, die für den Kirchenkreis in der Flüchtlingsarbeit tätig ist. Dass so viele Menschen aus Minden ihre Zeit in die Reise investierten, ist für Mertins mehr als organisatorische Unterstützung.

Vom Krieg erzählen – und einmal nicht daran denken müssen

Im Haus Mariensee war die Woche bewusst nicht als Therapieprogramm angelegt. Es gab gemeinsame Andachten, ukrainische Gottesdienste, Gespräche und Begegnungen. Aber vor allem gab es Dinge, die nach Urlaub klingen: Stunden am Strand, Radtouren, Spiele und Musik. Für die Kinder bedeutete das: herumtoben, entdecken, lachen. „Ich bin so dankbar dafür, dass meine Kinder hier einmal erfahren durften, wie sich Frieden anfühlt“, sagte eine Teilnehmerin.

Für die Erwachsenen war die Normalität schwieriger. Beim therapeutischen Malen und in Einzelgesprächen mit Katheryna Kalinichenko kamen die Geschichten wieder zum Vorschein, die sie aus der Ukraine mitgebracht hatten. Da war die Geschichte einer Frau, die ihren Verlobten per Videoschaltung an der Front geheiratet hatte. Er kehrte nicht zurück. Da war die Geschichte eines Jungen, der den Namen seines Vaters trägt, obwohl er ihn nie kennenlernen konnte. Und da waren die vielen verlorenen Lebensjahre derjenigen, die seit Beginn des russischen Angriffskrieges zwischen Sorge, Trauer und der nächsten Nachricht aus der Heimat leben.

Die Insel konnte den Krieg nicht verschwinden lassen. Aber für einige Tage lag zwischen den Familien und dem Alltag in der Ukraine das Meer.

Wie aus Hilfe eine Partnerschaft wird

Für den Kirchenkreis Minden ist die Reise Teil einer Entwicklung, die unmittelbar nach Beginn des russischen Angriffskrieges begann. Aus spontaner Unterstützung ist inzwischen eine offizielle Partnerschaft mit Eleos-Lwiw geworden, einer diakonischen Organisation im westukrainischen Lwiw. Geleitet wird sie von Abt Ivan Danyliv. Sein Vorgänger Iob Olshansky dient inzwischen als Militärseelsorger in einer Drohneneinheit der ukrainischen Armee. Die Menschen, die nach Langeoog kamen, sind Angehörige von Soldaten aus seiner Einheit.

Die Verbindung zwischen Minden und der Ukraine geht unter anderem auf den Petershäger Pfarrer Daniel Brüll zurück. Er hatte die ersten Kontakte aufgebaut und sich maßgeblich für die Reise eingesetzt. Für Brüll zeigt die Langeoog-Fahrt, was kirchliche Partnerschaft in Zeiten des Krieges bedeuten kann. Hilfe sei nicht nur eine Frage von Geld und Hilfsgütern. Es gehe auch darum, Menschen zusammenzubringen, und zu erleben, dass aus Trauer auch neues Leben entstehen kann. Und manche der Teilnehmer wollen selbst nicht bei der Rolle der Betroffenen stehen bleiben.

Eine Kaffeetasse als Zeichen des Widerstands

Jana Berkut gehört dazu. Ihr Mann Artem ist im Krieg gefallen. In seinem Andenken hat sie das Projekt „Filizhanka“ gegründet – ukrainisch für „Kaffeetasse“. Dahinter steht ein Festival rund um die ukrainische Kaffeekultur. Es soll Menschen zusammenbringen und zugleich Spenden für die Rehabilitation verwundeter Soldaten sammeln. Es ist ein bemerkenswertes Bild: Während der Krieg das Leben der Menschen zerstört, versucht Jana, etwas entgegenzusetzen, das nach Alltag und Normalität klingt – Kaffee, Begegnung, ein Fest.

Für Daniel Brüll sind das unterschiedliche Antworten auf dieselbe Katastrophe. Die eine besteht darin, verwundete Soldatinnen und Soldaten zu unterstützen. Die andere darin, Familien, die mit dem Verlust weiterleben müssen, für einige Tage eine geschenkte Normalität zu ermöglichen. Beides gehört für ihn zusammen.

Auch Michael Mertins nimmt von Langeoog mehr mit als den Eindruck einer gelungenen Reise. Die große Bereitschaft aus dem Kirchenkreis, sich an der Begegnung zu beteiligen, zeige, welchen Stellenwert die Verbindung mit den Menschen in der Ukraine inzwischen habe. Die Woche auf Langeoog ist dabei nur ein kleiner Ausschnitt. Für die Familien endet sie mit der Rückfahrt in die Ukraine. Dort gibt es weiterhin Luftschutzsirenen, Nächte in Bunkern und die Angst vor der nächsten Nachricht.

Für Myroslav aber bleiben vielleicht andere Bilder: Sand unter den Füßen. Das Meer. Fahrräder. Andere Kinder. Eine Woche, in der die Erwachsenen nicht ständig über den Krieg sprechen mussten. 1500 Kilometer entfernt wartet seine Heimat.

Der Kirchenkreis Minden will die Unterstützung für die Menschen in Lwiw und anderen Teilen der Ukraine fortsetzen. Und vielleicht ist genau das die Bedeutung dieser Reise: Der Frieden, den die Familien auf Langeoog für einige Tage erleben konnten, lässt sich nicht mit nach Hause nehmen. Aber Menschen können die Erfahrung mitnehmen, dass sie auf ihrem Weg nicht allein sind.