Wort zum Sonntag
Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.
Mehr Mut zur Demut!
Manche alte Tugend, die in Vergessenheit geraten ist, würde uns heute wieder gut tun. Eine davon ist Demut. Sie hätte das Potenzial, viele Wunden in der Welt zu heilen. Derzeit kann man beobachten, wie viel Unheil das Gegenteil anrichtet: Stolz und Hochmut.
So hat etwa der US-Präsident einen Krieg begonnen, weil er glaubte, seine Armee sei unbesiegbar. Sein Hochmut stürzt aktuell die Welt in eine Abwärtsspirale. Sein russisches Gegenüber hat vor Jahren dasselbe getan. Auch im Kleinen kann man häufig sehen, wie Überheblichkeit Schaden anrichtet. Viele Arbeitsunfälle gehen darauf zurück, dass jemand dachte: „Ich brauche keine Hilfe – ich schaffe das allein!“
Demut ist nicht besonders angesagt, dafür aber schon ein sehr altes Heilmittel. In der Bibel steht (1. Petrus 5,5): Alle müsst ihr im Umgang miteinander Bescheidenheit an den Tag legen. Denn Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber schenkt er Gnade.
Petrus weiß: Stolz und Überheblichkeit zerstören unsere Beziehungen. Wer sich selbst für besser hält, behandelt die Menschen um sich schlechter. Er wird herablassend, nimmt keine Ratschläge mehr an und hält andere klein. Ein demütiger Mensch tut das Gegenteil: Weil er weiß, dass er nicht perfekt ist, lässt er sich helfen und bringt anderen echte Wertschätzung entgegen.
Die Bibel sagt: Das ist eine Haltung, die Gott gefällt. Solche Menschen liebt und unterstützt er. Die Hochmütigen dagegen lässt er auflaufen und an ihrem Stolz scheitern. Gott ist selbst das beste Beispiel für Demut. Obwohl er der allmächtige Gott ist, wurde er in Jesus Christus einer von uns und hat uns Menschen gedient – bis in den Tod. Wer zu ihm kommen und von ihm erhört werden will, muss deshalb selbst demütig werden. Jesus lässt alle abblitzen, die spöttisch auf den Glauben schauen und herablassend darauf warten, dass Gott sich ihnen „beweist“. Aber er hört auf dein Gebet, wenn du eingestehst, dass du ihn brauchst. Dann freut er sich an dir und schenkt dir Gnade.

Johannes Röskamp
Pastor der Markusgemeinde Minden. Seine Predigten veröffentlicht er in seinem Podcast www.son-of-a-preacher-man.de
Wort zum Sonntag 10.05.2026
Atmen ist Leben
Mein 25-jähriges Ich hätte sich lustig gemacht über diesen Satz: “Atmen ist Leben.” Das weiß doch jedes Kind, hätte ich gedacht. Aber wie glücklich mich das Atmen macht – das hätte ich vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten. Aber jetzt hat der Satz “Atmen ist Leben” eine neue Bedeutung. Wenn ich immer wieder, ganz bewusst langsam und tief in Bauch und Rücken hinein atme, fühle ich mich so ruhig und gleichzeitig so lebendig wie selten. Wenn ich den Blick nach innen wende, bei jedem Ein- und Ausatmen und den Atempausen bis vier zähle, kommen mein Körper, meine Seele und mein Geist zusammen. Ich komme zu mir selbst, in diesem einen Moment meines Lebens. Meine Bewegungen verlangsamen sich, meine Gedanken hören auf zu kreisen und meine Gefühle zeigen sich. Und dann merke ich, wie ich gerade lebe. Wie schnelllebig ich mich mal wieder durch den Tag hetze und wie flach ich gerade noch geatmet, gehechelt habe. Überrascht entdecke ich dann manchmal auch, dass ich die Luft anhalte: Vor Spannung oder Schreck. Und ich staune, wie lange ich ohne neuen Atemzug auskomme, wenn ich aufwache. Und wie wenig ich brauche, nämlich nur den nächsten Atemzug. Aktiv anders zu atmen, lässt mich spüren, wie tief mein Seufzen geht oder wie weit sich mein Brustkorb weiten kann- und will. So zu Atmen tut mir einfach nur gut und bringt mich in Kontakt mit mir und meinen Wurzeln. Ich kann es nicht anders beschreiben, als dass es mir vorkommt, als wenn ich mir selbst wieder Lebenskraft einhauchen lasse – und davon nicht zu wenig, zu flach oder zu selten. Das ist mehr als eine Atempause, dann bin ich in Kontakt mit meiner Kraftquelle. Denn dann ahne ich etwas von dem Wunder des Lebens, das jedem und jeder von uns geschenkt wird, die auf dieser Erde leben. Dann ahne ich, was es bedeutet, wenn in der Bibel steht, dass Gott durch das Einhauchens des Atems des Lebens aus jedem Menschen eine lebende Seele macht. (1. Mose 2,7)

Pfarrerin Katrin Berger
Kirchengemeinde An der Bergkante, Minden, Hille & Bad Oeynhausen
Wort zum Sonntag 03.05.2026
Sie ist nicht auf ihrem Zimmer. Merkwürdig, denke ich. Es ist doch ihr Geburtstag. Habe ich vielleicht die Zimmernummer verwechselt? Nein. Zimmer 115, Luise Krause. Das Pflegeheim-Team hat sogar einen kleinen Blumenkranz aus Papier an die Tür geheftet. Plötzlich öffnen sich die Fahrstuhltüren auf dem Gang und sie wird im Rollstuhl herausgeschoben. „Frau Krause“, rufe ich, „herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“. Die alte Frau lächelt mich an. Ich weiß, dass mein Zeitfenster beschränkt ist. Gleich beginnt das Mittagessen. Dann wird die Pflegerin wiederkommen und sie abholen.
Zeit mit einem demenzkranken Menschen zu verbringen, ist nicht leicht. Nach fünf Minuten scheint man gewöhnlich alles gesagt zu haben. Dann folgen nur noch Wiederholungen. Das, was eben noch Neues erzählt worden ist – vergessen.
Doch plötzlich steht eine neue Frage im Raum: „Woher kommen Sie eigentlich?“ Überrascht beginne ich zu erzählen von unserem Dorf an der Weser und ihrem Haus, das dort steht. Ich berichte ihr, wie gut ihre Rosen wachsen, die sie immer mit viel Liebe gepflegt hat. Ich erzähle von unseren Gottesdiensten und dem Platz in der Kirche, der stets ihr gehört hat: ihr Stammplatz. Wie sie bei allen Ereignissen in der Gemeinde immer dabei gewesen ist; tatkräftig und hilfsbereit. Währenddessen sagt sie kein Wort. Sie hört mir nur aufmerksam zu. Dann sagt sie: „Was sie alles von mir wissen! Wie schön!“ Ich muss schlucken. Demenz ist eine furchtbare Krankheit. Doch zu wissen, dass ich gehalten werde von jemandem, der sich weiterhin auskennt, der Bescheid weiß über mich und mein Leben und alle meine Eigenarten kennt, selbst, wenn ich sie vergessen habe, ist für mich tröstlich. Selbst wenn ich den Überblick verloren habe und mich nicht mehr zurechtfinden kann – in mir drin und um mich herum – gibt es diesen einen, Gott, der genau weiß, wer ich bin. Am Ende zu ihm sagen zu können: „Was du alles von mir weißt! Du hast ja tatsächlich nichts vergessen.“ Das lässt meine Angst vor Demenz kleiner werden.

Pfarrerin Esther Witte
Kirchengemeinden Schlüsselburg, Heimsen, Windheim/Neuenknick