Immer wieder, wenn meine Familie zusammenkam, trug meine Mutter mit einem Lächeln im Gesicht ein Gedicht vor: „Es wird mit Recht ein guter Braten …“ von Wilhelm Busch. Sie hatte es als Teil Ihrer Ausbildung in der Landfrauenschule auswendig gelernt. Und das Gedicht endet: „Wer einen guten Braten macht, hat auch ein gutes Herz.“ Natürlich – das war vor hundert Jahren, als Wilhelm Busch das schrieb. Und trotzdem, er beschreibt darin, was zu einem guten Braten gehört: Ruhe, Sorgfalt, Geduld, insgesamt Zeit und schließlich sogar Liebe.
Heute kann ich darüber schmunzeln. Schließlich gibt es Fertiggerichte, Schnellkochtöpfe und Rezepte, die versprechen: „In 15 Minuten auf dem Tisch.“ Doch die Erfahrung zeigt: Manche Dinge lassen sich nicht beschleunigen. Ein guter Braten braucht Zeit. Das gilt nicht nur in der Küche.
Freundschaften brauchen Zeit. Vertrauen braucht Zeit. Eine Ehe wächst nicht an einem Tag. Kinder werden nicht über Nacht erwachsen. Der Garten braucht Geduld.
Wir leben in einer Welt, in der vieles sofort verfügbar ist. Nachrichten erreichen uns in Sekunden. Bestellungen kommen am nächsten Tag. Aber wirklich wichtige Dinge bleiben dem Gesetz des Wartens unterworfen.
Auch Gott scheint sich diesem Gesetz nicht zu entziehen. In der Bibel begegnen wir immer wieder Menschen, die warten müssen. Abraham wartet auf den versprochenen Sohn. Das Volk Israel wartet auf die Befreiung. Die Jünger Jesu warten nach Karfreitag auf neues Licht und neue Hoffnung.
Warten fällt schwer. Wer wartet, hat das Gefühl, unnütze Zeit zu vergeuden. Doch oft geschieht gerade dann Wichtiges. Wie ein Braten im Ofen nicht nur äußerlich warm wird, sondern sich langsam verwandelt, so verändert auch Geduld unser Leben.
Wilhelm Busch spricht noch von einer anderen Zutat: Herzensgüte. Ein gutes Essen entsteht nicht allein durch ein Rezept. Man merkt oft, ob jemand nur gekocht hat oder ob er oder sie mit Liebe und Geduld dabei war.
Vielleicht kennen Sie das: Der Duft aus der Küche erinnert manchmal an die Kindheit. An Sonntagen hieß das für mich Hühnersuppe und die Menschen, die mit am Tisch saßen und längst nicht mehr da sind. Was uns in Erinnerung bleibt, ist selten das genaue Rezept. Es ist die Liebe, die darin steckte.
Darum hat der alte Satz bis heute etwas Wahres: „Wer einen guten Braten macht, hat auch ein gutes Herz.“
Und vielleicht gilt umgekehrt: Wo Menschen einander mit Geduld, Aufmerksamkeit und Liebe begegnen, da wird das Leben ein wenig wärmer und nahrhafter – ganz gleich, ob ein Braten auf dem Tisch steht oder nicht. Übrigens der Braten geht auch vegetarisch.

Pfarrer Eckhard Hagemeier
Pastorale Dienste im Ev. Kirchenkreis Minden, Planungsraum Petershagen