Minden. 17 Jahre lang war er Pfarrer in Hille und neun Jahre lang in Petershagen. Nach insgesamt 26 Jahren im Dienst des Evangelischen Kirchenkreises Minden geht Daniel Brüll nun in den Ruhestand. Am Sonntag, 6. September, verabschiedet und entpflichtet ihn Superintendent Michael Mertins in einem Gottesdienst um 14 Uhr in der Petri-Kirche Petershagen. Danach ist Brüll noch offiziell bis Ende des Jahres im Dienst, hat aber noch sehr viel Resturlaub zu bekommen.
Vielen Menschen im Mindener Land ist Brüll vor allem als „der Fahrrad-Pastor“ bekannt, weil er in Petershagen, Hille, Minden und Umgebung nahezu alle Wege mit dem Rad zurücklegte. In „seinen“ Gemeinden in Hille und Petershagen kennt man ihn außerdem als zugewandten Seelsorger, engagierten Prediger und freundlichen Gast auf Geburtstagsfeiern.
Besonders charakteristisch für Brüll ist sein unermüdliches Engagement für die Menschen in der Ukraine. Seit Beginn des Krieges ist Brüll, der ursprünglich aus Polen stammt und deshalb über gute Kontakte u. a. nach Lwiv (Lemberg), Krakau und ins ukrainische Grenzgebiet verfügt, immer wieder unterwegs gewesen, um Spenden zu sammeln. Mehrfach hat er Spenden wie Verbandsmaterial, medizinische Geräte und Hygieneartikel persönlich mit dem Laster nach Lwiv gebracht, von wo aus sie dann weiter verteilt wurden. Mittlerweile hat sich aus Brülls Engagement in Kooperation mit dem Kirchenkreis eine tiefe Verbindung zur orthodoxen Kirche in Lwiv entwickelt. „Aktuell arbeiten wir an der Gründung einer offiziellen Partnerschaft, die Landeskirchen-weit einzigartig ist und die uns sehr am Herzen liegt“, sagt dazu Superintendent Mertins. Schon jetzt sei es dank der Netzwerkarbeit von Brüll möglich, dass der Kirchenkreis konkret eine Reha-Einrichtung für verwundete ukrainische Soldaten in der Nähe von Lwiv unterstützen kann.
Brüll wurde 1960 als Sohn eines Pastors in dem Ort Teschen im früheren Oberschlesien geboren. Dorthin waren seine Großeltern und Urgroßeltern aus Süddeutschland ausgewandert. Brüll machte 1979 in Teschen Abitur und durchlief im Anschluss daran eine Ausbildung zum Bautechniker. Durch kritische Äußerungen geriet er mit dem kommunistischen Regime aneinander und verbrachte deshalb sechs Wochen in Gefangenschaft. Ende 1982 verließ er Polen und kam gemeinsam mit seiner Frau als Spätaussiedler nach Deutschland. Obwohl sein polnisches Abitur hier zunächst nicht anerkannt wurde, entschloss sich Brüll, evangelische Theologie zu studieren. Dass er zunächst einmal weder die deutsche Sprache beherrschte noch über die für ein Theologie-Studium erforderlichen Latein-, Griechisch- und Hebräisch-Kenntnisse verfügte, schreckte ihn nicht. Ein Intensiv-Sprachkurs in Deutsch und ein Sonderlehrgang für spätausgesiedelte Abiturienten ermöglichte es ihm, seinen Plan umzusetzen. Er studierte in Bethel, Basel und Münster und absolvierte sein Vikariat in Gütersloh sowie den Hilfs- und Entsendungsdienst in Bethel. Im Jahr 2000 übernahm er die Pfarrstelle in Hille. Als sich dort abzeichnete, dass die Pfarrstelle aufgrund sinkender Mitgliederzahlen nicht mehr dauerhaft finanziert werden konnte, wechselte er im Jahr 2017 nach Petershagen. Von dort aus geht er nun in den Ruhestand. Zum Abschiedsgottesdienst lädt die Gemeinde herzlich ein.