Letzte Woche musste ich lachen zur Meldung des Satire-Magazins „Der Postillion“:
Eine Auswertung aller weltweiten Bilder des Social-Media-Riesen „Instagram“ habe ergeben, dass die Mehrheit der Menschen weltweit Multimillionäre seien – wie schön.
Solche Satire zeigt humorvoll das Problem. Der Druck, vieler nicht nur junger Menschen, sich im digitalen Raum perfekt zu präsentieren, ist immens. Und die Kehrseite dieser (Selbst)-Inszenierung ist, dass die tollen Bilder bei vielen Betrachtern ein Minderwertigkeitsgefühl erzeugen. Algorithmen machen wenige zu Milliardären und halten Massen im Bann von Klicken und Scrollen gefangen, die sich armselig fühlen und die Welt da draußen bedrohlich finden, der sie nicht gewachsen sind.
Und der Mensch, der die Bilder so runterwischt, hockt nur da, 10 Stunden in Deutschland im Schnitt am Tag, zwei mehr als noch vor 10 Jahren. Im Sitzen wächst die Last auf den Schultern in der Flut flimmernder Bilder.
Jede Bewegung nach draußen in Gottes Natur, jede reale Begegnung mit Menschen in echter Gemeinschaft, der soziale Austausch in Sport, Kultur oder bei uns als Kirche kann den Rücken gerader und leichter machen.
Natürlich um der Gefahr willen, sich den Mitmenschen direkt auszusetzen. Aber wer nur sitzt und wischt, verlernt, die Erfahrung zu machen, dass reale Begegnung viel unbefangener und mein Gegenüber gar nicht so perfekt ist, wie im digitalen Raum.
Die Welt der pluralen Volkskirche, die ich einstmals als Kind entdeckte, hatte noch einen Vorteil: Sie ist weitgehend mobbingfrei – anders als die Schule, erst Recht anders als das Netz heute. Es gibt einen Raum, wo die Last, dich zu verstellen endet und du darfst sein wie du bist. Warum? Weil bei uns das Sagen hat, von dem es noch nicht einmal ein Foto gibt. Jesus.
Sein Wochenspruch dieses Sonntags lautet: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Als Seelsorger im Klinikum weiß ich, wieviel das Leben uns sowieso schon auflädt.
Aber alles, was Menschen oben drauf tun an Scham und Schuldgefühl, während du da hockst und die Algorithmen dich betrügen, das kannst du bei ihm abladen, der anders ist, wieder aufstehen und da draußen unter Menschen das freie Leben suchen, das er dir schenkt. Das ist seine Einladung zum Abladen.
Damit es uns wieder leichter fällt zu leben in diesen Zeiten.

Oliver Vogelsmeier
Pfarrer und Krankenhausseelsorger am Johannes-Wesling-Klinikum Minden