Liebe Leserin, lieber Leser wie schön, dass Sie sich diese Zeilen ansehen, dass Sie diese Seite beachten, dass Sie überhaupt noch Zeitung lesen. Sie gehören damit gleich zu zwei schwindenden Minderheiten. Zeitungen haben in der heutigen Medienlandschaft kaum noch einen Ort und sieht man auf die aktuellen Zahlen der Kirchenmitglieder werden die Gebiete immer kleiner, in denen das Christentum noch Bestand hat.
Aber auch als Christin oder Christ mag man sich das ein um das andere Mal fragen, wo Gott in dieser Welt noch zu finden ist. Keine Sorge ich singe jetzt nicht die allübliche Katastrophenlitanei, die uns Funk, Internet und Fernsehen in nahezu Echtzeit bieten. Vielmehr schaue ich mit Ihnen auf Worte aus dem Matthäusevangelium: „Ein Gelehrter trat zu Jesus und sagt: Herr, ich will Dir folgen, wohin Du gehst. Da antwortet Jesus: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ – Ein minderheitentauglicher Dialog. Quer stehend zur heutigen Gesellschaftsordnung, in der alles, jeder und jede seinen und ihren Platz hat. Aber wer genauer hinsieht weiß, wie vieles nur Fassade ist. Angefangen bei unseren Kirchgebäuden, die immer brüchiger und immer leerer werden bis hin zu den Menschen, die trotz moderner Kommunikationsangebote im Format 24/7 in Einsamkeit gefangen sind.
Und Sie liebe Leserin, lieber Leser, wo haben Sie ihren Ort oder ihren Halt im Leben? Ich vermute natürlich, dass Sie durchaus ein Dach über dem Kopf haben und Menschen, die Sie im Leben begleiten. Aber es gibt eben auch in aller Beständigkeit Zeiten, in denen es einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Ich denke an Menschen meines unmittelbaren Umfeldes. Da kämpft sich jemand nach einer schweren und dramatischen Erkrankung mühsam ins Leben und merkt, dass manches von dem, was ihm zuvor als sicher und selbstverständlich galt seine Berechtigung verloren hat. Nun beginnt dieser Mensch in der Mitte seines Lebens von vorn… Ein anderer erleidet den schmerzlichen Verlust des eigenen Kindes… um so wichtiger werden nun Menschen, die einfach da sind, zuverlässig, zugewandt und dauerhaft.
Vielleicht merken oder erinnern Sie ja auch eigene Situationen, in denen Sie ähnlich aus dem Leben geworfen schienen. Und genau in solchen Um- und Abbrüchen erleben viele neuen überraschenden Halt, wenn Menschen da sind, die sich einlassen auf die Not und den Menschen, der durch sein Leid aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Und genau in solchen Lagen hat Gott dann ganz stark seine Finger mit im Spiel, wenn es zu hilfreichen Begegnungen, liebevoller Begleitung und dauerhafter Zuwendung kommt. Dann finden Menschen wieder neu einen Ort im Leben.
Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege, aber er besitzt den Schlüssel zum Herz von Menschen und bereitet damit einen neuen Platz zum Leben.

Christoph Kretschmer
Pfarrer am Freiherr-vom-Stein-Berufskolleg