Die Ev. Kirchengemeinde Lerbeck wird ihr Gemeindeleben künftig auf einen Standort ausrichten. In einer Gemeindeversammlung am 2. Juni wurden die Pläne vorgestellt. Nur noch ein Gemeindehaus soll langfristig erhalten bleiben. Gleichzeitig bedeutet die Planung die Aufgabe der Lerbecker Kirche als Gottesdienststätte der Gemeinde.
Zur Gemeindeversammlung war das Paul-Gerhardt-Haus an der Meißener Dorfstraße trotz drohender Unwetter gut gefüllt. Viele der Anwesenden waren mit dem Anlass vertraut: Die demographische Entwicklung und der Kostendruck erfordern ein Umlenken im Kirchenkreis und der gesamten evangelischen Kirche, um das Gemeindeleben der Zukunft aktiv gestalten zu können. Zurzeit werden für den Substanzerhalt der Kirchen, Gemeindehäuser und Gemeindezentren ungefähr ein Drittel der zur Verfügung stehenden Mittel genutzt, zwei Drittel für das Gemeindeleben, Gehälter und den laufenden Betrieb der Gebäude. Bis zum Ende des Jahrzehnts könnte dieses Verhältnis kippen, und nur noch ein Drittel für die eigentliche Arbeit der Kirche zur Verfügung stehen. Um diese Entwicklung aufzuhalten, hat sich der Kirchenkreis Minden das Ziel gesetzt, die Kosten der Strukturgebäude um 40 Prozent zu senken.
Gerade die Kirchengemeinde Lerbeck ist mit dem Thema seit Jahren vertraut, sagte Pfarrer Thomas Berneburg zur Eröffnung der Versammlung mit Blick auf die Aufgabe der Neesener und Nammener Gemeindehäuser vor einigen Jahren. Der Einspareffekt daraus habe sich durch die wirtschaftliche Entwicklung jedoch mittlerweile verflüchtigt. Nun suche die Gemeinde eine Lösung, um nicht nur für die nächsten Jahre, sondern langfristig „kirchliches Leben lebendig, einladend und verlässlich gestalten“ zu können. Auch habe das Presbyterium bewusst regional gedacht und die Situation der Nachbargemeinden Kleinenbremen, Leteln, Dankersen und der Teile der Mariengemeinde auf dem rechten Weserufer in die Überlegung einbezogen, erklärt Thomas Berneburg. Dieses regionale Denken würde das Zusammenwachsen in diesem Planungsraum Minden-Ost / Porta-Nord fördern. Gleichzeitig tragen gerade die Planungen in Lerbeck dazu bei, das gemeinsame Sparziel von 40 Prozent zu erreichen.
Simone Brinkmann-Tewes und Dirk Watermann erklärten als Vertreter des Presbyteriums, um welche Pläne es sich handele und wie sie zustande gekommen waren. Seit März 2025 habe das Presbyterium an einer nachhaltigen Gebäudestrategie gearbeitet und die Gemeinde in verschiedenen Beteiligungsformaten in den Prozess einbezogen. Kriterien seien entwickelt worden, die harte Fakten wie Betriebskosten mit weicheren Faktoren wie dem Nutzungsprofil und Potenzial für das Gemeindeleben in Einklang gebracht hätten. Aus diesen Überlegungen sei die Entscheidung für ein einzelnes gemeinsames Zentrum entstanden. Entweder das Paul-Gerhardt-Haus in Meißen oder das Gemeindehaus gegenüber der Lerbecker Kirche müssten dafür aufgegeben werden. Besonders schmerzlich aber sei die Erkenntnis, dass das Kirchgebäude selbst nicht mehr als Gottesdienststätte gehalten werden könne.
Die Zahlen haben gezeigt, „dass ein deutlicher Unterschied zu den anderen beiden Häusern besteht“, erklärte Simone Brinkmann-Tewes. Solche Überlegungen seien dem Entschluss vorausgegangen, doch bestimmten auch unbestreitbare Fakten nicht allein, wie er aufgenommen wird: „Veränderung bedeutet Abschied. Verlust entsteht, wenn Nähe, Gewohnheit oder die eigene Geschichte betroffen sind. Diese Wahrnehmung bleibt trotz aller Sachargumente.“ Mit dem Gebäude verbände sie ihre eigene Glaubensbiographie. Gerade der Besuch der Lerbecker Kirche sei für sie und andere Gemeindeglieder Teil davon, auch wenn die Besucherzahlen im Vergleich mit weiteren Gemeindeaktivitäten seit Jahren rückläufig seien. Gottesdienst und Verkündigung seien zentraler Teil des Gemeindeverständnisses in Lerbeck, betonte Thomas Berneburg, und würden es auch im neuen Zentrum bleiben. Dennoch seien „Abschiede von Gebäuden, in denen über Jahrzehnte Glauben gelebt und geteilt wurde, schmerzhaft für alle, deren Glaubensleben mit diesen Orten verwoben ist. Diesen Schmerz teilt das Presbyterium, das diese schwere Entscheidung stellvertretend für alle Gemeindeglieder getroffen hat.“ Für die Kirche solle daher nun eine Nachnutzung gefunden werden, die der Würde und der Geschichte des Gebäudes gerecht wird.
Was kann mit einem historischen Kirchgebäude geschehen? Die Lerbecker Kirche ist zwar nicht die erste des uralten Kirchspiels. Doch seit 1892 prägt der jetzige, von Heinrich Hutze im neugotischen Stil entworfene Ersatz für den hochmittelalterlichen Vorgängerbau das Ortsbild am Jakobsberg. In einem Statement zur Gebäudestrategie hatte auch der Lerbecker Kirchbauverein für den Erhalt des „historischen Gebäudes mit für die ganze Umgebung identitätsstiftenden Charakter“ geworben. Der Gemeinde sei der Erhalt des denkmalgeschützten Gebäudes ebenso wichtig, betonte das Presbyterium. Es hoffe auf die weitere Unterstützung des Kirchbauvereins, der in den letzten zwanzig Jahren bereits Mittel in Höhe von rund 190.000€ zur Verfügung stellen konnte. Nur eine Trägerschaft durch den Verein sei angesichts der Altersstruktur unrealistisch, erklärte dessen Vorsitzender Konrad Fertl. Dennoch seien ähnliche Trägerkonzepte eine mögliche Perspektive.
Trotz der spürbaren emotionalen Wirkung wurde der Entschluss von den Anwesenden gefasst und mit Lob für die verantwortungsvolle Arbeit des Presbyteriums aufgenommen. Die Fragen und Diskussionen in der Gemeindeversammlung konzentrierten sich daher mehr auf die Wahl des zukünftigen gemeinsamen Zentrums. Besonders wurde die Befürchtung geäußert, dass nach der Aufgabe der Lerbecker Kirche und potenziell des benachbarten Gemeindehauses Gruppen aus Lerbeck nicht in Meißen weitergeführt würden und das Gemeindeleben im Lerbecker Teil der Gemeinde leiden könnte.
Finanzkirchmeister Dirk Watermann betonte, dass die Entscheidung für den Standort des zukünftigen Gemeindezentrums noch nicht gefallen sei. In den kommenden Monaten würde genau geschaut und abgewägt: Das Paul-Gerhard-Haus in Meißen benötige substanzielle Investitionen zur Ertüchtigung, dafür wäre das Lerbecker Pendant als jüngeres Gebäude besser vermarktbar. Lerbeck wäre mit weniger Aufwand weiter nutzbar; das denkmalgeschützte Meißener Haus jedoch schwieriger in andere Nutzung zu bringen. Das Presbyterium arbeite bereits mit einem auf kirchliche Gebäude spezialisierten Architekten zusammen, der die Entwicklung begleiten würde. Neben dessen Fachgutachten werde aber auch der weitere Kriterienkatalog – Nutzung, Erreichbarkeit, Energiebilanz – in die Entscheidung einfließen.
Die Lerbecker Planungen werden, mit den Gebäudestrategien aus allen vier Planungsräumen des Kirchenkreises, am 20. Juni der Synode vorgestellt. Die Umsetzung aller Gebäudeplanungen soll 2029 abgeschlossen werden.