Wort zum Sonntag
Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.
Durch Erinnern zum Hoffen
Die Leute werden immer frustrierter. Immer mehr sehen sich benachteiligt. Viele glauben den letzten Verschwörungsschwachsinn, nur weil er das Gefühl bedient, alles werde immer schlimmer. Schuldig dafür gemacht werden die Benachteiligten, die angeblich mehr Gutes abbekommen. Politische Kräfte schüren Neid und Zukunftssorgen, um ihre Macht zu sichern. Besser wird dadurch nichts. Wer sich früher engagierte, zieht sich ins Private zurück und erwartet keine bessere Zukunft mehr.
Was hilft gegen den Verdruss? Mir hilft der Spruch, der in der evangelischen Kirche über der neuen Woche steht: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Psalm 103,2). Ich erinnere die Hilfe, die ich schon erfahren habe und was mir im Leben geschenkt wurde! Ich spür dem in meinem Innersten wieder nach! Und dann fallen mir die wunderbaren Dinge ein. Ich werde dankbar für meine positiven Lebenserfahrungen. Dabei geht es nicht um eine rosarote Brille, die eine kritische Sicht verhindert. Es geht um ein Erinnern, das mir hilft, den Blick zu weiten über das, was mir jetzt noch Angst machen will. Gott hat mir doch schon mal geholfen. Er wird auch wieder helfen. Solches Erinnern weckt Hoffnungskraft. Ich werde die Sorge los, zu kurz zu kommen, weil unser Sozialstaat dafür sorgt, dass Arme und Fremde ihre Menschenrechte erleben können. Ich setze mich wieder ein für ein gerechtes Zusammenleben aller. Gott (er)hält ja mein Leben. Dabei ist noch nicht alles gut.
Der Psalm spricht an, was falsch läuft und stellt dem Gott entgegen, „der dir alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit“ (Vers 3-4). Frust verwandelt sich in Zuversicht, weil ich mich an Gott in meinem Leben erinnere. Das stärkt meine Resilienz, meine Widerstandskraft in diesen tatsächlich schweren Zeiten.
Ich wünsche Ihnen diese Erfahrung vom Erinnern zur Hoffnung.

Michael Mertins
Superintendent im Ev. Kirchenkreis Minden
H E R B S T E N *
Herbst anstimmen
Goldene Herbstwärme erwarten
Festkleider der sich in den Winter verabschiedenden Natur bestaunen
Früchte des Jahres ernten
Schwindenden Sonnenzeiten nachsinnen
Entschleunigen synchron mit der Schöpfung – um uns und in uns
Regeneration mit den Früchten des Jahres – den geistigen und naturgewachsenen
Im Prozess der Lese sein – Aussortieren der faulen und Aufbewahren der reifen Früchte
Wärmendes für Herz, Seele, Körper und Geist sammeln – im Wertschätzen von gutem Gewachsenem
Eine ertragreiche Ernte – von erfüllenden Begebenheiten und Begegnungen
Jesus Christus spricht:
Ich bin der Weinstock.
Ihr seid die Reben.
Die in mir bleiben
und ich in ihnen,
tragen viel Frucht.
(Johannes 15,5)
(* ursprünglich: badisch, schwäbisches Wort für die Weinernte/Weinlese)

Iris Rummeling-Becht
Pfarrerin, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Marien/Bezirk St. Lukas sowie Vakanzvertretung in Buchholz und Ovenstädt
Mut zum Brückenbauen
Eine der Besonderheiten Mindens ist seine Lage am Fluss. Das sahen die ersten Siedler wohl auch so, als sie sich diesen Ort ausgesucht haben: der Fluss gibt genug Wasser, bietet Schutz und ist zugleich eine bedeutende Verkehrsader. Das Problem der Lage am Fluss ist aber, dass er immer auch „im Weg“ ist, wenn man mal auf die andere Seite will. Er trennt Stadtteile, er zerschneidet Verkehrswege. Und deshalb gab es in Minden immer schon die eine große Aufgabe: Brücken bauen und erhalten! Wenn eine Brücke da ist, dann ist der Fluss keine Trennung mehr. Dann kann man gut an ihm leben und dennoch mit „denen drüben“ verbunden sein!
Im Leben von uns Menschen braucht es aber gar keinen Fluss, um das Gefühl der Trennung zu spüren. Oftmals sind Menschen innerlich ewig weit voneinander entfernt, obwohl sie nah beieinanderstehen; da ist es so, als ob reißende Flüsse und gähnende Abgründe zwischen ihnen wären.
Wollen wir das, dass sich tiefe Täler auftun in Familien, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde, in der Nachbarschaft? Wohl kaum. Also müssen auch hier Brücken gebaut werden: Brücken der Menschlichkeit, des Verständnisses, der Annäherung.
Das hauptsächliche „Baumaterial“ dazu ist: Vertrauen. So wie Brücken über Flüsse aus Holz, Stein oder Stahl sind, so müssen Brücken zwischen Menschen aus Vertrauen gebaut werden. Vertrauen, dass mein gegenüber mich nicht hintergeht; Vertrauen, dass er es ehrlich mit mir meint; Vertrauen auch in mich selbst, dass auch ich mich als zuverlässig – eben vertrauenswürdig – erweise!
Es gibt ein Lied im Evangelischen Gesangbuch, das dieses Thema aufgreift: Nr. 669 „Herr, gib mir Mut zum Brücken bauen, gib mir den Mut zum ersten Schritt. Laß mich auf Deine Brücken trauen, und wenn ich gehe, geh Du mit.“
Dieses Lied weist uns auf eine unserer menschlichen Hauptaufgaben hin, nämlich voller Vertrauen Brücken zueinander bauen in der Gewissheit, dass er, Gott selber, immer der größte Brückenbauer ist und uns dabei hilft! Durch seinen Sohn Jesus Christus macht er es uns vor, wie wir Vertrauen schenken und vertrauensvoll sein können und so zu Brückenbauern unseres eigenen Lebens werden!
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gesegneten Sonntag!

Christoph Ruffer
Pfarrer, Evangelisch-Lutherische St.-Martini-Kirchengemeinde