Wort zum Sonntag

Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.

„Ich will bei Ihnen wohnen“

Manche Entscheidungen in unserem Leben treffen wir ganz und gar beiläufig. Sie sind nebensächlich oder ihre Bedeutung ist nur von kurzer Dauer. Andere prüfen wir sehr genau, überlegen hin und her bevor wir zu- oder absagen, weil wir wissen: Das ist eine richtig bedeutende Entscheidung. Wie sie ausfällt, wird für eine lange Zeit mein ganzes Leben prägen.

Eine dieser großen Entscheidungen ist die, mit wem wir zusammenziehen, mit wem wir tatsächlich unter einem Dach zusammen leben möchten. Diese Entscheidung prägt für einen langen Zeitraum jeden einzelnen Tag.

Es ist nicht zufällig, dass wir diesen Schritt nur dann wagen, wenn wir uns mit einem Gegenüber wirklich hervorragend verstehen und wenn wir uns sicher sind: „Wenn ich mit diesem Menschen zusammen lebe, dann geht es mir besser als ohne ihn.“

Eine Entscheidung, die Gott mindestens genau so sorgfältig trifft, wie jeder von uns. Und Gott kommt in seinem Nachdenken darüber, mit wem er gerne zusammen wohnen und leben möchte zu einem sehr eindeutigen Ergebnis.

Gott spricht: „Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.“
Ezechiel 37,27

Mit dieser Willenserklärung richtet Gott sich an sein Volk, an jeden, der damals im Volk Israel zu ihm gehörte und an jeden der heute durch Taufe und Glauben mit ihm verbunden ist. Er will bei uns wohnen. Er hat das ordentlich geprüft. Er ist bereit, uns nahe zu kommen. Nicht nur ab und zu auf Besuch, sondern an jedem einzelnen Tag. Gott ist bereit, in unserem Alltag mit dabei zu sein, egal ob in der Seniorenresidenz, im 1-Zimmer-Appartment oder im Kinderzimmer. Er ist sich sicher, in dieser Gemeinschaft geht es ihm und uns weit besser als ohne einander.

Was für uns zu bedenken bleibt, ist ob wir dieser guten Nachricht glauben. Ob wir Gott willkommen heißen in unserem Haus, bei uns, mitten in unserem Alltag. Das ist dann wirklich eine der weitreichendsten und bedeutendsten Entscheidungen in unserem ganzen Leben.

Thomas Berneburg

Thomas Berneburg

Pfarrer, in der Ev. luth. Kirchengemeinde Lerbeck

Erntedank und die Folgen

Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit

– so heißt es in dem Bibelwort, dass über dem morgigen Sonntag und der kommenden Woche steht. Die christliche Tradition erinnert mit diesem Vers aus Psalm 145 am Erntedankfest an Gott als den Geber aller guten Gaben. Die Kirchen sind geschmückt mit den Erzeugnissen unserer Ernte – mit allem, was bei uns in Gärten und auf Feldern wächst.

Bei uns… und anderswo?

Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit

Dieser Vers kann uns auch nachdenklich stimmen. Wenn wir uns den Jahresablauf in anderen Regionen dieser Welt vor Augen halten, dann werden wir gewahr, dass Millionen Menschen ihre Speise nicht zur rechten Zeit bekommen haben. Das Lob Gottes bleibt da vielen Menschen im Hals stecken. Gibt es nicht genug Augen, die vergeblich auf ihre lebensnotwendige Nahrung warten?

Sicherlich – und auf die Frage nach dem „Warum?“ werden wir nie eine gute und erschöpfende Antwort geben können. Doch gibt es neben der möglichen Kritik an Gott und seinem Handeln noch zwei weitere Reaktionsmöglichkeiten für uns Menschen.

Zum einen: persönliche Dankbarkeit! Danken wir Gott, dass es uns so gut geht. Auch wenn sich Viele unter uns Sorge machen um ihre Zukunft, so sind doch die grundlegenden Dinge in unserem Land derzeit gesichert. Wir leben in äußerem Frieden und in einer freiheitlichen Rechtsordnung; wir haben unser Auskommen – Nahrung, Kleidung und Wohnung; wir sind auch in diesem Jahr von Katastrophen verschont geblieben. Wer noch Kriegs- und Notzeiten kennt der weiß, wie wenig selbstverständlich all dies – und wie viel wirklichen Grund zum ganz persönlichen Dank wir haben. Danken wir Gott, dass unsere Augen auch in diesem Jahr nicht vergeblich auf Versorgung zur rechten Zeit gewartet haben!

Und zum anderen: Hilfe! Wenn wir Nöte in der Welt und in unserer Nachbarschaft erkennen, dann ist dies zunächst ja eine Aufforderung an uns selbst. Gott handelt durch uns Menschen. Wenn wir erkennen, wo in dieser Welt Not herrscht, dann sind wir aufgerufen, im Namen Gottes unser Mögliches zu tun, um diese Not zu lindern. Die Augen von anderen Menschen warten auf uns, dass wir ihnen zur rechten Zeit ihre Speise geben im Namen Gottes!

Persönliche Dankbarkeit und Hilfe für andere, das können – ja vielmehr: das müssen! – unsere Reaktionen zum Erntedankfest sein. Bekennen wir frei und offen, wem wir alles verdanken, und lassen wir diesem Dank Taten folgen. Dann können immer mehr Menschen einstimmen in den Psalmvers

Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit

Pfr. Christoph Ruffer

Pfr. Christoph Ruffer

Pfarrerin, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Martini

Empörung ist kein guter Ratgeber!

„Indignez-vous !“ – Empört Euch!, so lautet der vielzitierte Titel eines Bestsellers aus dem Jahr 2011. Der Autor Stéphane Hessel ruft zwar in seinem während der Finanzkrise erschienen Werk zum Widerstand gegen einen ungezügelten Finanzkapitalismus auf, doch die Parole „Empört Euch!“ scheint seitdem das Mantra jeglichem gesellschaftlichen Diskurses zu sein. Selbst im Einzelgespräch mit einem Mitmenschen scheint es nur noch verhärtete Fronten zu geben; Unnachgiebigkeit, Unwillen, eine andere Position nur ansatzweise verstehen zu wollen und oft eine sofort emotionalisierte Wortwahl scheinen die einzige Form zu sein, überhaupt noch miteinander gegensätzliche Meinungen zu vertreten. Für weite Teile des gesellschaftlichen und politischen Diskurses gilt dies genauso, wie für den Bereich der katholischen Kirche in Deutschland und ihre drängenden Themen. Zurzeit stehen sich zwei Lager verfeindet gegenüber, für die man mangels zutreffenderer Begriffe grob die Umschreibungen „Progressiv“ und „Konservativ“ verwenden könnte. Auf der Seite der „Progressiven“ gilt das Motto „Entweder die Kirche modernisiert sich jetzt sofort grundlegend und passt sich der Zeit an, oder sie ist verloren!“ Auf der Seite der „Konservativen“ wird stoisch daran festgehalten: „Entweder die Kirche bleibt treu bei der gewachsenen, kirchlichen Tradition, unbeirrt gegen alle Widerstände, oder sie ist verloren!“ Beide Positionen beinhalten oft radikale Maximalforderungen, sei es auf der einen Seite sofortige Abschaffung des hierarchischen Aufbaus der Kirche, Aussetzen des Zölibates, Einführung des Frauenpriestertums oder auf der anderen Seite sofortiger Ausstieg aus der staatlich eingezogenen Kirchensteuer, Entweltlichung als Allheilmittel, wortgetreues Festhalten an der kirchlichen Tradition als Gegenbild zu einer säkularisierten Mehrheitsgesellschaft, mit Inkaufnahme einer drohenden Isolierung vom gesellschaftlichen Mainstream. Beiden Seiten muss klar sein, dass eine zunehmende Empörung kein Weg ist und Maximalforderungen kaum durchzusetzen sind. Objektiv betrachtet ist die Kirche selbst Tradition, sie lebt aus den Quellen der Überlieferung und was einmal als wahr erkannt wurde, kann im nächsten Moment
nicht falsch sein! Und doch hat sich die Kirche immer den drängenden Themen ihrer Zeit gestellt, schöpfend aus dem konkreten Glauben, dass es Christus selbst ist, der im Heiligen Geist die Kirche durch die Zeit führt und leitet. Um es für nichtkatholische und nichtgläubige Menschen konkret an einem Beispiel festzumachen: die Maximalforderung der Einführung des Priestertums für Frauen widerspricht fraglos der katholischen Tradition. An dieser Forderung festzuhalten ist sinnlos und führt nur zu einer weiteren Verhärtung der Fronten. Aber sich die Frage zu stellen, wie gläubige Frauen und Männer gemeinsam in unterschiedlichen Berufsfeldern, Begabungen und Berufungen der Welt Antworten aus dem Glauben an Christus heraus auf dringliche gesellschaftliche, ökonomische und soziale Fragen geben können, dies ist doch das eigentliche Thema!

Mir erscheint es wichtig, sich nicht ständig von subjektiver Empörung leiten zu lassen, auf beiden Seiten von Diskursen, sondern reell und objektiv in den Blick zu nehmen, was notwendig, aber auch möglich ist. Ob im kirchlichen Bereich oder im politischen Streit gilt: Empörung ist kein guter Ratgeber

David F. Sonntag,

David F. Sonntag,

Pastor am Dom