Wort zum Sonntag

Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.

(er)höre mich!

Er steht an der Straße und schreit – schreit nach Jesus. Er schreit, weil er nicht sehen kann. Bartimäus sieht in diesem Moment die Chance seines Lebens. Die Anderen fühlen sich gestört. Gestört von dem Geschrei, denn sie wollen Jesus für sich haben. Gestört, weil dieses Geschrei und der Anblick nicht in ihre Stimmung passen.

Beim Lesen dieser Geschichte, entstehen in meinem Kopf Bilder. Ich erahne, wie sich das für Bartimäus angefühlt hat hat. Schaue ich in die heutige Gesellschaft, sehe ich viele Menschen schreien. Sicherlich, sie wollen nicht sehend werden, aber sie wollen gesehen werden. Sie wollen gehört werden, sie wollen wahrgenommen werden. Bei diesen Personen geht es nicht nur um die, die am Rande stehen, sondern es geht durch alle Gesellschaftsschichten. Wir alle wollen doch gesehen werden, und wie viele werden übersehen. Bei der Mannschaftsaufstellung im Schulsport, am Sonntag in der Halle, bei der Besetzung einer freien Stelle, bei der Vergabe eine gute Aufgabe, in der Familie, auf der Arbeit oder im Verein.

Ja und wir haben oft genug das Gefühl, wer am lautesten ist, der bekommt die Aufmerksamkeit, die Rolle, die Stelle… was auch immer. Und wir möchten uns hinstellen und schreien – halt deinen Mund und warum? Weil wir Angst haben, selber nicht wahrgenommen zu werden.

Dieser Ruf geht schon durch die gesamte Geschichte der Menschheit und durch die mit Gott. „HERR erhöre mich“ ruft der Schreiber von Psalm 27,7. Diesen Ausruf finden wir in der Bibel an vielen Stellen.

Es ist der tiefe Schrei ins uns nach Beziehung, Wertschätzung und Anerkennung.

Von Gott ist an vielen Stellen in der Bibel überliefert, dass ER genau diese Sehnsucht erfüllt. Er sieht uns, er hört uns, er nimmt uns wahr, denn wir sind ihm wichtig.

Wir wünschen uns, es wäre so praktisch wie bei Bartimäus. Jesus hört ihn, sieht ihn und erhört seinen größten Wunsch, selber wieder sehen zu können. Wie cool wäre das.

Ich höre jedoch von Menschen, die diese Erfahrungen gemacht haben. Ich selber habe diese Erfahrung auch gemacht. Gott sieht mich, er nimmt mich wahr, ich komme zur Ruhe, ich erlebe Unterstützung.

Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen. Vielleicht ist es eine Hilfe, dazu in eine Kirche zu gehen, vielleicht in einen Gottesdienst. Vielleicht wollen Sie es aber auch hinausschreien. Tun Sie es – Gott stört es nicht. Im Gegenteil, er hört leises und lautes Schreien.

Friedrich Kasten

Friedrich Kasten

Leiter von juenger unterwegs im Kirchenkreis Minden

Automatisch gespeicherter Entwurf

Unglaublich – bald ist schon wieder Ostern. Nur noch 70 Tage. Zumindest sagt das der Name des kommenden Sonntags: Septuagesimae. Man könnte meinen einer von vielen Sonntagen. Mitnichten, für mich ist jeder Sonntag ein besonderer Sonntag, weil er ein Ruhe-Tag ist.

Ruhe heißt für mich an erster Stelle so wenig wie möglich etwas unternehmen, auf keinen Fall Termine für wen oder was auch immer. Das Haus nur für den Gottesdienst verlassen oder für einen Spaziergang im Wald. Mehr kommt kaum in Frage. Für mich ist das dann ein besonderer Tag im Lauf der Woche.

Die wenigsten Kalender zeigen noch das Besondere des Sonntags: Jeder Sonntag hat einen eigenen Namen und eigene Prägung, mit Texten, Lesungen und Themen. Übrigens seit kurzem sind diese leicht zugänglich auf dem Smartphone mit der App „Kirchenjahr evangelisch“. Jeder Sonntag ist ein Höhepunkt im Laufe der Woche, beziehungsweise, um es richtig zu sagen, am Anfang der Woche.

Auch das zeigen die Kalender nicht mehr: die Woche beginnt mit dem Sonntag. Christen halten sich dabei in ihrer Wochenstruktur seit Anbeginn an die Schöpfungserzählung, jene, in der Gott die Welt in 6 Tagen schuf und am 7. Tag ruhte. Der 7. Tag aber ist der Sabbat und das ist unser heutiger Samstag. Wer einmal in Israel war, weiß, dass dort mit der Dunkelheit am Freitagabend der Ruhetag beginnt und am Samstagabend endet. Sonntags heißt es dort wieder: arbeiten, zur Schule gehen, Geschäfte machen. Die Christen aber beginnen die Woche mit Ihrem Ruhetag, weil Jesus an diesem Tag auferstanden ist. Jeder Sonntag ist deshalb ein Gedenktag an Ostern und zugleich an die Schöpfung – nicht nur 70 Tage vor Ostern.

Beide Motive – Schöpfung und Auferstehung – sind grundlegend für das christliche Leben und bedeuten für mich, dass wir unsere Lebenswelt gestalten und bewahren, achten und ehren, respektvoll betrachten und behandeln. Es bedeutet für mich auch nachhaltig mit unseren Mitmenschen und unserer Umwelt umzugehen, Hoffnung und Freude verbreiten, mit Mut die Dinge ändern, die zu ändern sind, nicht zuletzt alles tun, um die Welt und das Leben in ihr zu erhalten für uns, unsere Kinder und unsere Enkelkinder.

70 Tage vor Ostern – der morgige Tag kann uns daran erinnern, aus der Osterbotschaft heraus zu leben, Sonntag für Sonntag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

Eckhard Hagemeier

Eckhard Hagemeier

Pfarrer am Gymnasium Porta

Zeichen der Versöhnung

 

Vor 14 Tagen habe ich die Gedenkkapelle in der  Marienkirche in Lübeck besucht. Von  Weitem fallen die Reste der beiden Glocken ins Auge, die beim Bombenangriff auf Lübeck 1942 durch den Turm in die Kirche gestür zt sind. Man hat sie als Mahnmahl dort liegen gelassen.

Seitlich an der Wand sind drei Nägel zu einem Kreuz zusammengefügt – das Nagelkreuz von Coventry.

Es erinnert an die Bombardierung von Coventry 1940 durch deutsche Bombergeschwader, bei der große Teile der Innenstadt und auch die mittelalterliche St. Michael’s Cathedral zerstört wurden.
Im ausgebrannten Gotteshaus feierte die Gemeinde weiter Gottesdienst. Den Altar errichtete man aus Trümmersteinen, verkohlte Dachbalken bildeten das Altarkreuz. Als Zeichen der Versöhnung  wurden die Worte „VATER VERGIB“ an der Wand des Altarraumes angebracht. Sie schlossen die Urheber des Leidens mit ein und standen für die Überwindung des Hasses.

Bei den Aufräumarbeiten in den Trümmern der St. Michael´s Cathedral wurden auch drei große Zimmermannsnägel aus dem Dachstuhl der zerstörten Kathedrale geborgen. Der damalige Dompropst ließ sie zu einem Kreuz zusammensetzen und in der Kathedrale aufstellen. 1947 wurde dann das erste Nagelkreuz als Zeichen der Versöhnung gemeinsam mit einem Versöhnungsgebet an die Nikolaikirche in Kiel geschickt, später gemeinsam mit dem Gebet an viele andere Orte in Deutschland und darüber hinaus. So gingen die Opfer auf die Täter zu und reichten ihnen mit dem Nagelkreuz die Hand zur Versöhnung.

Mich bewegt, dass in der Gedenkkapelle in Lübeck beides zu sehen ist, die Überreste der Glocken und das Nagelkreuz aus Coventry, und dass die  Gedenktafel in der Marienkirche zunächst an die Bombardierung Coventry s erinnert,  bevor auf die Bombardierung Lübecks eingegangen wird.

Hier werden ganz im Sinne des christlichen Glaubens Leid und Schuld nicht gegeneinander ausgespielt, auch nicht von der eigenen Schuld abgelenkt. Gerade so war und ist Versöhnung möglich und es gibt heute eine gelebte Partnerschaft zwischen den Kirchengemeinden in Lübeck und in Coventry

Wir brauchen solche Zeichen der Versöhnung. Denn auch heute gilt es, immer wieder aufeinander zuzugehen, den ersten Schritt zu wagen, Abschottung, Egoismus, das Setzen auf Rache und menschenverachtende Gewalt zu überwinden  – im Kleinen wie im Großen.

Ermutigung und Anleitung dazu findet man im Versöhnungsgebet von Coventry – es ist abgedruckt im Evangelischen Gesangbuch

Horst Fißmer

Horst Fißmer

Pfarrer, Kirchengemeinde St. Marien Christuskirche