Wort zum Sonntag

Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.

Warten auf Besuch

Es ist Samstagvormittag und wir warten!

Warten… wie oft wird doch in einem Alten- und Pflegeheim gewartet:

Warten auf die Pflege, warten auf das Essen und auf einen lang ersehnten Besuch.

Heute lohnt sich das Warten, denn die Kinder aus dem Albert-Schweitzer-Haus samt Pfarrer und jugendlichen Betreuern kommen zu Besuch.

Es wird ein herzliches und quirliges Miteinander! Wir singen und schmunzeln über die Andacht, in der die Jugendlichen auf humorvolle Weise das Miteinander zwischen Jung und Alt bedenken.

Dann vertiefen wir uns ins gemeinsame Spiel:

Der Saal füllt sich mit gespannten und fröhlichen Gesichtern. Erleichtertes Seufzen ist zu hören, wenn man sich beim „Mensch-ärgere-dich-nicht“ nicht ärgern muss. Entzückte Rufe mischen sich ins fröhliche Gemurmel, wenn die Glasmurmeln das Tor finden oder sich auf der weißen Tischdecke die Schätze aus Großmutters Knopfkiste zu einem Kunstwerk vollenden.

Der Alltag mit all den Anforderungen und Sorgen wird für einen Moment vergessen und das Leben fühlt sich leicht an.

Zwischendurch habe ich das Gefühl, als würden sich die Worte, die wir in der Andacht bedacht hatten, für einen kurzen Moment mit Leben füllen.

Im Buch Sacharja spricht Gott in einem Heilswort zu seinem Volk:

„Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen“.

Fröhliche Kinder, die unbeschwert spielen und alte Menschen, die vergnügt zuschauen und sich nicht um ihren Lebensabend sorgen!

Was für eine große visionäre Kraft steckt doch in diesen alten Worten!

Sie inspirieren und laden ein zu einem herzliches Miteinander der Generationen. „ Aufstehn, aufeinander zugehn und voneinander lernen“ wie es in einem modernen Kirchenlied heißt, damit unsere Kinder vom Lebensreichtum älterer Menschen erfahren und in den Heimen nicht vergebens  gewartet wird

Eva Binder

Eva Binder

Pfarrerin im Kirchenkreis Minden u.a. in der Altenheimseelsorge tätig

Mit der Bibel in der Hand

„Ich möchte auf den Apostel Paulus und seine klare und weise Anordnung im Brief an die Römer 13 verweisen, wonach die Gesetze der Regierung befolgt werden müssen, weil Gott die Regierung zu seinen Zwecken eingesetzt hat.“ Das sind die Worte, mit denen ein amerikanischer Minister die Praxis verteidigt, illegal eingewanderte Familie auseinanderzureißen, minderjährige Kinder von ihren Eltern zu trennen.

„Den Angeklagten wird Geschlechtsverrat vorgeworfen in Verstoß gegen Römer Kapitel 1 Vers 26.“ Das sind die Worte, mit denen ein amerikanischer Staatsanwalt einen sehr kurzen Prozess gegen zwei Frauen eröffnet, die in einer illegalen, homosexuellen Liebesbeziehung miteinander leben.

Zwei Szenen. Die eine bittere Realität, die andere düstere Zukunftsvision. Eine davon wurde von der amerikanischen Regierungssprecherin Sarah Huckabee Sanders mit den Worten kommentiert: „Es ist sehr biblisch, das Gesetz anzuwenden.“ Welche der beiden Szenen sie damit meinte, das tut fast nichts mehr zur Sache.

Das erste Zitat stammt von Jeff Sessions, dem derzeitigen Justizminister unter Präsident Donald Trump. Das zweite aus einer Folge der Serie „Der Report der Magd“, basierend auf dem gleichnamigen Zukunftsroman der letztjährigen Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels, Margret Atwood. Der Roman schildert die Gedanken einer Frau, die in nicht allzu ferner Zukunft in einer von christlichen Fundamentalisten geleiteten Diktatur auf amerikanischen Boden lebt. Frauen haben dort keine Rechte mehr, keine Freiheiten. Die wenigen unter ihnen, die nach etlichen Naturkatastrophen noch schwanger werden können, werden von der Oberschicht als regelrechtes Zuchtvieh genutzt, um für sie Kinder zu zeugen, ganz nach dem biblischen Vorbild von Rahels Magd Bilha aus dem 1. Buch Mose 1,1-3. Lesbische Frauen gelten in diesem Staat als „Geschlechtsverräterinnen“, die ausgemerzt werden müssen. All das wird mit der Bibel in der Hand begründet.

Wem das zu weit hergeholt, abwegig, ja empörend erscheint, der führe sich unsere Realität vor Augen, in der hohe amerikanische Würdenträger tatsächlich mit der Bibel in der Hand das Handeln ihrer Regierung rechtfertigen wollen; in der christliche Fundamentalisten schon im Münster der Reformationszeit vor fast 500 Jahren einen christlichen Gottesstaat aufbauten und mit der Bibel die Mehrfrauenehe und Hinrichtungen von Abweichlern begründeten. Das sollte für uns das wirklich empörende und furchteinflößende sein: die Heilige Schrift als Argument missbraucht zu sehen – für den eigenen Machterhalt, für die Unterdrückung anders denkender und anders lebender Menschen. Mit der Bibel in der Hand sollte niemals menschliche Grausamkeit und Unterdrückung begründet, sondern göttliche Gnade und Freiheit verkündet werden.

Marc Bergermann

Marc Bergermann

Pfarrer in der Ref. Petri-Kirchengemeinde Minden

Der Ball rollt…..

Der Ball rollt. Die Fußball-WM wird uns hoffentlich spannende und gute Spiele bringen.; am besten natürlich viele Tore der deutschen Elf. Und gleichzeitig drängt sich die Frage auf: Was wird eigentlich aus dem Sport, wenn er weiter von Menschen gemanagt wird, die nur ein Produkt vermarkten wollen?

Geht es doch in der Vermarktung der WM und bei den politischen Interessen des Gastgeberlandes nicht um die ursprünglichen Ideen von Spiel und Sport. Und die Sportfunktionäre selbst tragen dazu bei, daß die WM immer weniger durch die Aspekte des Sports geprägt wird. Für eine zukünftige Aufstockung der WM-Teilnehmer gibt es kein einziges sportliches Argument, ebenso wenig für eine Vergabe der WM nach Katar. Der Sport wird benutzt von skrupellosen Geschäftemachern.

Ähnliches erleben wir mit der Religion. Das Christentum wird von bestimmten Politikern benutzt, um die Ausgrenzung muslimischer Menschen zu betreiben, weil das in ihr politisches Konzept passt. Deshalb das Kreuz in öffentliche Behörden, Museen, usw. zu hängen, ist ein Hohn auf die Ziele der Religion: Versöhnung über Grenzen hinweg. Dass umgekehrt der Islam im großen Stil für politische Ziele mißbraucht wird, macht das Ganze nicht besser.

Sport und Religion sollen die Begegnung von Menschen fördern, Respekt und Miteinander einüben.

Dafür brauchen Menschen neben den Zwängen des Arbeitslebens einen Freiraum, der nicht von politischen und finanziellen Zielen überlagert werden darf.

Als der Staat in der Zeit des Nationalsozialismus die Kirche für seine Zwecke benutzte, wehrte sich die Bekennende Kirche: Ihr Statement hat heute für die Ev. Kirche Bekenntnischarakter. In der Barmer Theologischen Erklärung steht:

„Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.“

Clemens Becht

Clemens Becht

Pfarrer in der Kirchengemeinde St. Marien, Bezirk St. Lukas