Was kommt in eine Schatzkiste? Für die Mutter von Len stand zumindest fest, wie seine Schatzkiste auszusehen habe: Natürlich blau-weiß, in den Farben seines Lieblingsvereins. Gemeinsam mit den Familien von zwei Dutzend anderer Konfirmandinnen und Konfirmanden aus der Region Hille hat sie im Gemeindehaus Südhemmern ein besonderes Biografie-Projekt für ihren Sohn vorbereiten können.
Bei fünf Treffen im Zwei-Wochen-Takt trafen sich die Konfi-Familien in Südhemmern, um unter der Anleitung von Gemeindepädagogen Michael Vitt und Presbyterin Silke Hofmann die Schatzkisten für ihre Töchter und Söhne zu bauen und zu füllen. In die Kisten kamen kleine Schätze über ihr Leben, die mit den Methoden der Biografiearbeit gestaltet wurden. Das Endprodukt, die fertige Schatzkiste, bleibt dann nach der Konfirmation in der Familie und ist gleichzeitig Souvenir an die Konfirmation und Fundus persönlicher Geschichten und Lebenserinnerungen.
Eine Idee aus Süddeutschland
Erdacht wurde das Konzept von Paula Maisch. Die Gemeindepädagogin aus dem württembergischen Metzingen ist Trainerin für Biografiearbeit und hat die Idee der Schatzkisten für ihre Arbeit mit Konfi-Familien entwickelt. Für Michael Vitt, der von der Idee seiner süddeutschen Kollegin gehört hatte, war klar: Das muss in den Mühlenkreis gebracht werden.
Michael Vitt arbeitet in der jungen Kirchengemeinde „An der Bergkante“, aber er hat aus seiner Zeit als Jugendreferent Kontakte durch den ganzen Kooperationsraum Hille. Die Gemeinde dort nähern sich nicht nur in den laufenden Gesprächen über Gebäudenutzung oder regionale Leitungsstrukturen an. Auch in der Konfirmandenarbeit wird immer mehr gemeinsam in Angriff genommen: der perfekte Moment für ein Projekt wie Michael Vitts und Silke Hofmanns Schatzkisten.
Biografische Schatzsuche
An fünf Tagen wurde in Südhemmern gesammelt, gebastelt und gemalt. Am Ende entstand so eine prall gefüllte, bunt gestaltete Kiste voller Erinnerungsstücke. Aber es ging nicht nur handwerklich zur Sache. Für den zweiten Abend wurde in Stammbäumen, Familienerinnerungen und Freundschaftsalben geforscht. Mit diesen Einblicken aus ihren Kisten können die Konfirmandinnen und Konfirmanden sich im Geflecht ihrer familiären und persönlichen Beziehungen verorten, regional verteilt und vorwärts und rückwärts in der Zeit. Ähnliches kam am vierten Abend unter dem Motto „Ich schenk Dir eine Geschichte“ in die Kiste: Dieser Abend fand online statt, so dass sich auch entferntere Bezugspersonen einbringen und den Konfis eine Geschichte mit auf den Weg geben konnten.
Das emotionale Highlight des Projekts war jedoch die Mitte, der dritte Abend: Zu „Du bist ein Segen“ wurden gute Eigenschaften der Konfis gesammelt und auf Zetteln in die Schatzkisten gelegt, für manche ostwestfälisch geprägte Familie vielleicht eine ungewohnte, aber spannende Übung. Am letzten Abend kam noch der jeweilige Konfirmationsspruch dazu. Als Teil des Schatzes entsteht daraus eine viel stärkere Verbindung zu dem Bibelvers, der die Konfirmanden und Konfirmandinnen jetzt auch ganz praktisch durch ihr Leben begleiten würde.
Der Moment, in dem die Kinder ihre fertigen Kisten erstmals öffnen dürfen, kann sehr emotional sein, ein paar Tränen eingeschlossen, berichten die ersten teilnehmenden Familien. Und: Es ist ein Moment, den man immer wieder erleben kann, denn die Kisten bleiben bei den Konfirmandinnen und Konfirmanden.
Für Michael Vitt war das Projekt ein klarer Erfolg. Er hatte gehofft, die Menschen aus den verschiedenen Kirchengemeinden in der Region Hille zusammenzubringen, und tatsächlich war aus allen Gemeinden eine bunt gemischte Gruppe nach Südhemmern gekommen. Aber mehr noch: „Mit den Kisten können wir die Familien auf ganz andere Art, über die Konfirmation hinaus begleiten“, freut sich Michael Vitt.
