„Nur ein Name unter sechs Millionen Ermordeten, aber keinen in der Literaturgeschichte“: Dieses Schicksal sollte Selma Meerbaum-Eisinger (1924 – 1942) erspart bleiben. Mit viel Glück blieb das Werk der jungen deutsch-jüdischen Dichterin aus Czernowitz nach ihrer Ermordung im NS-Arbeitslager erhalten. In der Petrikirche ließ Ursula Kurze ihr Leben und Werk, nur mit Gitarre und Gedichten gewappnet, wieder auferstehen.
Abgesehen von ein paar Briefen wäre von Selma Meerbaum-Eisinger nichts erhalten geblieben, wäre da nicht ein kurzes Heft mit 57 handgeschriebenen Gedichten. Begonnen als Poesiealbum eines literarisch begabten 15-jährigen Mädchens aus der deutsch-jüdischen Welt der Bukowina, vor der Verschleppung ins Arbeitslager einer Freundin zugesteckt, vom geliebten Freund im Lager in der Häftlingskleidung versteckt, erreichte das Heft schließlich Israel und sicherte Meerbaum-Eisingers Platz in der Literaturgeschichte.
Ursula Kurze konnte bereits mehrere, oft deutsch-jüdische Dichter in musikalischen Lesungen in der Region vorstellen. Die Dresdnerin hatte Selma Meerbaum-Eisinger schon vor der Wende entdeckt und früh angefangen, Gedichte der in der DDR verpönten Dichterin bei den Friedensdekaden vorzutragen. Der Abend in Dehme zeigte ihren tiefen persönlichen Bezug: „Sie ist mir wie eine Schwester geworden“, gibt Kurze zu.
Mit ihrem Gesang, Textauszügen, Erklärungen und eigenen Erinnerungen entführte Kurze das Publikum ins noch KuK-angehauchte Czernowitz der Vorkriegszeit. Genaue Naturbeobachtung kennzeichnen Meerbaum-Eisingers impressionistische Gedichte. Abendrot, Frühlingsfrische, trockene Spätsommer an der Pruth, selbst Kastanien tauchen da auf und immer wieder Regen, als Spiegel ihrer Empfindungen. Dahinter stecken für das junge Alter der Dichterin erstaunlich reife Einblicke in ihr Seelenleben. Das Publikum erlebte durch Ursula Kurzes Vortrag unbeschwerte Jugendtage auf der Habsburgerhöhe hinter Meerbaum-Eisingers Geburtshaus und dann plötzlich, auch musikalisch hart einschneidend, die Vorzeichen von Krieg, Terror und Verschleppung. Zwischen den Versen spielt sich ihre Gitarre frei, und Ursula Kurze begeisterte mit ihrem Spiel, das ganz andere Klangwelten aus dem bekannten Instrument lockte.
Der Abend in Petershagen wurde als Kooperation der örtlichen Kirchengemeinde mit der Ev. Erwachsenenbildung, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Minden, der Jüdischen Kultusgemeinde Minden, der KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica, dem LWL-Museum Glashütte Gernheim und der AG Alte Synagoge Petershagen ausgerichtet. Deren Vertreterin, Daniela Giannone, hatte nach dem frühen Konzert Gelegenheit, Ursula Kurze durch die Räume der Alten Synagoge zu führen, und war tief berührt vom Auftritt in der Petrikirche. Wie viele andere Zuhörerinnen und Zuhörer in Petershagen oder bei Ursula Kurzes vorherigen Auftritten in Bad Oeynhausen und Espelkamp gab sie zu, dass sie eine solche musikalisch-poetische Darstellung eines Lebens noch nie erlebt hätte. Für viele waren die anderthalb Stunden eine eindrucksvolle erste Begegnung mit Meerbaum-Eisinger, die mehr Interesse an der jungen Dichterin aus Czernowitz geweckt hat.