Atmen ist Leben
Mein 25-jähriges Ich hätte sich lustig gemacht über diesen Satz: “Atmen ist Leben.” Das weiß doch jedes Kind, hätte ich gedacht. Aber wie glücklich mich das Atmen macht – das hätte ich vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten. Aber jetzt hat der Satz “Atmen ist Leben” eine neue Bedeutung. Wenn ich immer wieder, ganz bewusst langsam und tief in Bauch und Rücken hinein atme, fühle ich mich so ruhig und gleichzeitig so lebendig wie selten. Wenn ich den Blick nach innen wende, bei jedem Ein- und Ausatmen und den Atempausen bis vier zähle, kommen mein Körper, meine Seele und mein Geist zusammen. Ich komme zu mir selbst, in diesem einen Moment meines Lebens. Meine Bewegungen verlangsamen sich, meine Gedanken hören auf zu kreisen und meine Gefühle zeigen sich. Und dann merke ich, wie ich gerade lebe. Wie schnelllebig ich mich mal wieder durch den Tag hetze und wie flach ich gerade noch geatmet, gehechelt habe. Überrascht entdecke ich dann manchmal auch, dass ich die Luft anhalte: Vor Spannung oder Schreck. Und ich staune, wie lange ich ohne neuen Atemzug auskomme, wenn ich aufwache. Und wie wenig ich brauche, nämlich nur den nächsten Atemzug. Aktiv anders zu atmen, lässt mich spüren, wie tief mein Seufzen geht oder wie weit sich mein Brustkorb weiten kann- und will. So zu Atmen tut mir einfach nur gut und bringt mich in Kontakt mit mir und meinen Wurzeln. Ich kann es nicht anders beschreiben, als dass es mir vorkommt, als wenn ich mir selbst wieder Lebenskraft einhauchen lasse – und davon nicht zu wenig, zu flach oder zu selten. Das ist mehr als eine Atempause, dann bin ich in Kontakt mit meiner Kraftquelle. Denn dann ahne ich etwas von dem Wunder des Lebens, das jedem und jeder von uns geschenkt wird, die auf dieser Erde leben. Dann ahne ich, was es bedeutet, wenn in der Bibel steht, dass Gott durch das Einhauchens des Atems des Lebens aus jedem Menschen eine lebende Seele macht. (1. Mose 2,7)

Pfarrerin Katrin Berger
Kirchengemeinde An der Bergkante, Minden, Hille & Bad Oeynhausen