Minden. Insgesamt 10.654 Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen starben 1940 in der Gaskammer von Schloss Grafeneck in Baden-Württemberg. Zwischen Januar und Dezember 1940 wurden sie Opfer der „NS-Euthanasie“ beziehungsweise der „Aktion T 4“ – so benannt nach der Adresse der dafür verantwortlichen Lenkungsbehörde in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Dabei ging es den Nationalsozialisten darum, „lebensunwertes Leben“ systematisch zu vernichten.

Eines der Opfer war Theodor K., ein junger Mann mit der Diagnose „Schizophrenie“. Als er aus seiner Pflegeeinrichtung nach Grafeneck deportiert wurde, wusste oder ahnte er offenbar, was ihm bevorstand und worauf die Reise in dem grauen Bus mit den undurchsichtigen Milchglasscheiben hinauslaufen würde. In seinem Nachlass, der später seinen Eltern zugeschickt wurde, befand sich ein Keks, in den er das Wort „Mörder“ geritzt hatte. In dem „Trostbrief“, den serienmäßig alle Angehörigen von in Grafeneck ermordeten Menschen erhielten, wurde als Todesursache „Lungentuberkulose“ angegeben.

Seit 1990 besteht in Grafeneck eine Gedenkstätte für die dort ermordeten Menschen. Eine in der Gedenkstätte entwickelte Wanderausstellung mit dem Titel „NS-‚Euthanasie‘ – Geschichte und Erinnerung“ ist zurzeit in der Offenen Kirche St. Simeonis zu sehen. Neben der Geschichte Theodor K.‘s vermittelt sie viele andere Details zur Aktion T 4, zu ihren Folgen und zu ihrer Aufarbeitung. Schloss Grafeneck war das erste von insgesamt sechs Zentren, die zu dem Zweck errichtet wurden, Menschen mit geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen zu töten; weitere fast 60.000 Menschen starben in den Gaskammern der Vernichtungszentren in Hadamar, Brandenburg, Bernburg, Hartheim und Sonnenstein. Das jüngste Opfer war vier Jahre alt, das älteste über 90. Viele der Täter, die für die Morde in Grafeneck verantwortlich waren, hatten später leitende Funktionen in Konzentrationslagern wie Auschwitz, Treblinka und Sobibor.

Die Ausstellung ist in St. Simeonis zu Gast bis zum 4. September; sie ist geöffnet dienstags bis samstags von 11 bis 17 Uhr. Veranstalter ist die Fachstelle NRWeltoffen im Schulamt des Kreises Minden-Lübbecke in Kooperation mit der Evangelischen Erwachsenenbildung, dem Katholischen Bildungswerk Minden und der Offenen Kirche St. Simeonis.

(Foto von Alfred Loschen / Offene Kirche St. Simeonis)

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