Liebe Leserinnen und Leser!

Zur römischen Kaiserzeit veranstalte man für einen siegreichen Feldherrn bei seiner Rückkehr nach Rom ein prunkvolles Spektakel. In einem Triumphzug in waffenstarrender Parade seiner Legionäre, unter Jubel der römischen Bevölkerung zog der glorreiche Schlachtenlenker in die Ewige Stadt ein. Er selbst fuhr in einem Wagen mit geschmückten Zugtieren, in weißer Robe gekleidet, vor ihm in Ketten gelegt gingen gefangene Feinde. Ein Sklave stand hinter ihm, hielt einen vergoldeten Lorbeerkranz über seinen Kopf und flüsterte ihm beständig zu: „Respice post te, hominem te esse memento.“ – zu Deutsch in etwa: Sieh dich um; denke daran, dass auch du ein Mensch bist. In all dem Triumphjubel, dem Prunk und der Siegestrunkenheit, in dessen Zentrum der große Held stand, steht also auch ein „Memento mori“, ein „Bedenke, dass du sterblich bist“.

Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst.“ Diese Worte hören die katholischen Christinnen und Christen beim Empfang des Aschekreuzes am Aschermittwoch zu Beginn der Fastenzeit. Doch auch der Monat November, ist für mich von einem beständigen Erinnern an die eigene Vergänglichkeit geprägt. Das geht vielen Menschen so: nicht umsonst ist der November auch als Totenmonat bekannt. In diesen grauen Wochen liegen die offiziellen Tage für Trauer und Tod, ob kirchlich oder staatlich: am Monatsanfang die katholischen Gedenktage, Allerheiligen und Allerseelen; der Totensonntag der Kirchen der Reformation am Monatsende. Dazwischen liegt der sperrige Volkstrauertag als staatlicher Gedenktag, der an die Kriegstoten und die Opfer von Gewaltherrschaft erinnern soll. Die Tage stehen kalendarisch für eine Kultur der Trauer und Erinnerung, die einst klare Rituale kannte. Diese Rituale, die eine christlich-religiöse Basis hatten, schwinden; sie schwinden deswegen, weil die christlich-religiöse Basis schwindet. An ihre Stelle treten Unsicherheit und Verdrängung im Umgang mit dem Tod, mit den Toten und mit der Trauer.

Der Tod stört. Weil er ein Störer ist, wird er heute aus dem Alltag ausgegrenzt. Der Umgang mit Tod und Trauer ist kulturell und rituell unsicher geworden. Die allgemeinen Totengedenktage des Monats November sind übrig geblieben aus der Zeit, in der das Leben fester gefügt war und es verbindliche Gewohnheiten dafür gab, wie zu trauern ist. An den offiziellen Tagen der Trauer im November hat sich ein Rest der alten Verbindlichkeiten bewahrt; viele Menschen fahren, oft Hunderte Kilometer, „nach Hause“, pflegen die Gräber, stellen rot flackernde Kerzen auf, – wie pulsierende Herzen wirken sie,- Lebenszeichen-, und stehen schweigend davor. Manche hören noch den Gebeten zu. Den alten Worten von Tod, Erlösung und Auferstehung vom Tod, den Kernbotschaften des christlichen Glaubens. Aber vielleicht ist das eine Antwort auf eine Frage, die heute viele Menschen umtreibt: Wo ist meine Heimat? Vielleicht dort, wo das Grab eines nahen Menschen ist.

Das alte Wort von der „letzten Ehre“ war und ist ein gutes Wort: Auch wenn man den Kummer der Angehörigen nicht teilt, ehrt man so den Toten und die, die um ihn trauern. Und man kehrt einen Moment ein in sich selbst – und spürt die eigene Seele, die in diesen Sekunden ihre Endlichkeit begreift.

Man“ (auch ein gern genommenes unbestimmtes Pronomen im Zusammenhang mit dem Tod, um sich so weit es geht vom Faktum der eigenen Sterblichkeit zu distanzieren) geht der Antwort auf die Frage, wie man selbst sterben möchte, gern aus dem Weg. Der Todesakt bleibt unbesprochen. Aber im Blick auf die Beerdigung heißt es oft, dass sie „im kleinen Kreis“ stattfinden soll. Bei genauem Hinsehen ist das ein Privileg derer, die einen großen Kreis erwarten dürfen. Für immer mehr Menschen ist der Kreis ohnehin sehr klein, weil sie niemanden mehr haben

Bedenke, dass du sterblich bist.“ Der Gedanke der eigenen Sterblichkeit gehört zu den Grundvollzügen des menschlichen Lebens dazu. Der Mensch, so können wir begründet annehmen, ist das einzige Wesen auf der Erde, dass über den eigenen Tod reflektieren, nachdenken und sich ausdrücken kann. Dies ist für jede und jeden von uns eine Bürde, aber auch ein Geschenk. Ein Geschenk, weil es uns erst zu Menschen macht: Wesen, die über das eigene Sein hinausdenken, fühlen und hoffen können. Denn das Nachdenken auf den eigenen Tod ist nicht nur der Blick in den dunklen Abgrund des „Nicht-mehr-Seins“. Für uns Christen ist damit auch verbunden das Ergreifen der Hoffnung, dass Jesu Botschaft vom Sieg der Liebe über den Tod nicht bloße Vertröstung ist, sondern in unserem Sterben zu einer echten Wirklichkeit wird. Einer Wirklichkeit, die im Letzten nicht wir begreifen müssen, die aber uns ergreifen wird.

Am Vorabend des ersten Advents, an dem das neue Kirchenjahr beginnt, lohnt es sich, den Totenmonat November nicht einfach mit einem hastigen vorweihnachtlichen Trubel schnell hinter sich bringen zu wollen. Es lohnt ein Blick zurück auf diese tief geprägten vier Wochen, die für die Christinnen und Christen unserer Stadt bei allen alten, überkommenden und neuen Formen der Trauer auch immer mit der tiefen Hoffnung auf Erlösung und Auferstehung verbunden sind.

David F. Sonntag

David F. Sonntag

Pastor im Pastoralverbund Mindener Land

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