​Ende November 2025 – Während einer Reise durch die Westukraine sind wir in Lviv, dem ehemaligen Lemberg, zu Besuch. Die gemütliche Atmosphäre dieser alten galizischen Metropole, der kulturelle Reichtum der Stadt, die Gastfreundschaft der orthodoxen Gemeinde und die angeregten Gespräche über Hilfsprojekte und die Zukunft der Ukraine im europäischen Kontext schenken uns bald das Gefühl, dort in der Fremde zu Hause zu sein. Bei der Tour durch die Innenstadt stehen wir auf dem „Ehrenfeld“, dem Friedhof für die Kriegsopfer aus Lviv. Im Februar 2022 war hier noch eine weite Stadtpark-Wiese. Jetzt sehen wir über 1000 Gräber, die meisten mit Fotos der Verstorbenen. Es sind fast alles junge Menschen, die in die Kamera lächeln. Die neuen Fahnen auf den Gräbern und das Meer an frischen Blumen lassen eine tägliche Grabpflege der Angehörigen vermuten.
Wir stehen vor dem Grab von Irina Tschubuch. Sie war Sanitäterin und Journalistin. Später erfahren wir, sie hätte bereits 2014 bei der Krim-Annexion als 14-jährige Jugendliche ehrenamtlich verletzte ukrainische Soldaten versorgt. Nach der russischen Invasion hatte sie diese Arbeit fortgesetzt und Kriegsopfer von der Front zu bergen geholfen. Die Gefahr ihrer Arbeit war ihr bewusst. In einem Brief an ihren Bruder beschreibt sie das Motiv ihres Einsatzes:
„Um die Kraft zu haben, ein freier Mensch zu sein, muss man mutig sein. Denn nur die Mutigen finden Glück. Es ist besser, im Kampf zu sterben, als zu verrotten.“
Irina Tschubuch hatte sich für ein freies Leben entschieden. Ein Leben unter der russischen Invasion wäre für sie ein fauler Kompromiss gewesen. Ihr unbewaffneter Einsatz für die Opfer der Invasion zeigt eine unüberwindliche Stärke. Der Machtgier wird eine klare Grenze gesetzt. Für ihre Schutzbefohlenen war ihr gefährlicher Einsatz eine lebensrettende Hilfe.
Es gibt Menschen, die stellvertretend für andere den Kopf hinhalten und damit etwas Großes schaffen. Wie der Gottesknecht, von dem vor 2500 Jahren gesungen wurde: „Er trug unsere Krankheiten und lud auf sich unsere Schmerzen… Wegen unserer Verfehlungen ist er verwundet, um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten. Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53, 4-5)
Die vielen verletzten Frontsoldaten, die Irina Tschubuch ihr Leben verdanken, werden dieses alte Jesaja-Lied für sie singen können.
Ende Mai 2024 stirbt Irina Tschubuch bei einem russischen Angriff. Ihr Leichnam wird in ihre Heimatstadt Lviv überführt. Menschen stehen an den Straßenrändern und gehen spontan in die Knie, um dieser Freiheitskämpferin ihren Respekt zu zeigen. Russische Präsidenten werden kommen und gehen. Doch über ihren Dienst für die Freiheit werden die Menschen in Lviv und überall in der Welt noch in hundert Jahren erzählen.

Frieder Küppers

Frieder Küppers

Pfarrer, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Marien