
An Ostern feiern Christenmenschen aller christlichen Konfessionen überall in der Welt, dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist. Hat dieser Osterglauben heute noch Bedeutung? Gibt es mehr zu feiern als Frühlingserwachen mit Ostereiern und Osterfeuer? Eine Antwort darauf habe ich vor vier Wochen erlebt. Da war eine Delegation aus der Ukraine im Ev. Kirchenkreis Minden zu Gast – ein Gegenbesuch zu meiner Reise im letzten Jahr nach Lviv. Der Kirchenkreis unterstützt die Ukraine schon seit Kriegsausbruch. Nach mehreren Spendenaktionen wollen wir mit der Eparchie (= „Diözese“) Lviv der ukrainisch-orthodoxen Kirche nun eine Partnerschaft begründen. Der Delegation gehörte Priester Ivan an, der in Lviv die kirchliche Armenfürsorge organisiert und in einer Reha-Klinik verwundete und traumatisierte Soldaten seelsorglich betreut. Auch Olha, medizinische Leiterin dieser Klinik, gehörte zur Delegation, ferner: Iob, Priester, der mit Soldaten an der Front seelsorglich arbeitet; Dmytro, Koordinator für Militärseelsorge in der Ukraine; Oleh, Dekan der ukrainisch-orthodoxen Kirche in Lviv und Volodymyr als Dolmetscher. Sie alle berichteten uns von ihrer schweren Arbeit unter Kriegsbedingungen. Seit Russland Hyperschallraketen auf die Ukraine feuert muss bei jedem Angriff im gesamten Land Luftalarm ausgelöst werden. Sonst ist die Zeit zu kurz, um es noch in einen Schutzraum zu schaffen. In der ganzen Ukraine gibt es keinen Ort mehr, der frei ist von Alarm und Kriegseinwirkungen. Auch Lviv, 1000 Kilometer westlich der eigentlichen Front, ist schon Ziel von russischen Drohnenangriffen geworden. Sie trafen u.a. einen Kindergarten und ein historisches Kloster. Unsere Gäste haben Schreckliches aus ihrem alltäglichen Leben und Arbeiten erzählt. Der Militärseelsorger erzählte von dem Offizier, der mit 28 jungen Soldaten zum Kampfeinsatz zog und nach drei Wochen mit nur 4 Soldaten zurückkehrte. Die brauchten seinen Beistand. Sie fühlten sich schuldig, weil sie überlebt hatten. Die leitende Ärztin der Reha-Klinik berichtete von ihren jungen Patienten mit Amputationen. Sie haben Probleme, Prothesen anzulegen, weil die jungen Körper noch nicht ausgewachsen sind. Volodymyr leitete früher ein Touristenbüro in Lviv. Diese schöne Stadt lebte einst vom Tourismus. Nun muss sie die vielen Flüchtlinge aus dem Osten versorgen. Wir teilten viel Leid und Trauer, Schmerz und Sorgen. Umso stärker beeindruckte uns die erstaunlich große Resilienz unserer ukrainischen Gäste. Mit ihnen hatten wir ja auch sehr schöne Zeit. Wir konnten viel lachen und hatten richtig Spaß: bei Abendessen in Restaurants, beim Kaffeetrinken mit ökumenischen Gästen aus Minden, beim Mittagessen im Landeskirchenamt mit der Präses und Vertretern der Ev. Kirche von Westfalen. Nach einer Abendveranstaltung begannen die Gäste spontan, mit ukrainischen Flüchtlingen aus Minden zu singen. Wir konnten nicht nur Leid, sondern auch Freude miteinander teilen. Woher nehmen die Gäste ihre Kraft, nicht zu verzweifeln, sondern das Leben zu feiern und mit positiver Erwartung auf die Zukunft zu sehen? Sie wirkten zuversichtlicher als manche Deutsche. Trotz ihres unfassbaren Leids sind sie voller Hoffnung! Wieso? Die Antwort konnte ich spüren, als wir am letzten Besuchstag in der Mindener Mauritiuskirche zum gemeinsamen Friedensgebet zusammen kamen: Wir sangen und beteten in ukrainischer und in deutscher Sprache, im orthodoxen und im evangelischen Ritus gemeinsam. Und der katholische Dompropst spendete am Ende den Segen. Wir beteten auch Psalm 3, von dem uns der Militärseelsorger zuvor berichtet hatte, wie wichtig dieser Psalm seinen Soldaten an der Front ist. Nun beteten wir ihn gemeinsam zweisprachig. Psalm 3 beginnt: „Ach Herr, wie sind meiner Feinde so viel und erheben sich so viele gegen mich.“ Er endet: „Bei Gott, dem Herrn, findet man Hilfe.“ Wir spürten, wie uns der Glaube verbindet in Leiden und Angst, aber auch im Hoffen. Schließlich fragte ich Iob, woher er seine Kraft nehme, trotz täglicher Lebensbedrohung noch auf einen gerechten und sicheren Frieden in Freiheit zu hoffen – er und die anderen Gäste mit all ihrer Zuversicht. Er sagte ganz ruhig und bestimmt: „Weil Christus an Ostern auferstanden ist, wird auch die Ukraine auferstehen.“ Darin waren sich alle einig. Was für eine Aussage! Uns Deutschen ist diese Nähe des christlichen Glaubens zur eigenen Nation abhandengekommen – Gott sei es gedankt, nach der unsäglichen deutschen Geschichte. Aber bei unseren ukrainischen Geschwistern hat mich dieser lebendige Osterglaube tief beeindruckt. Aus ihm gewinnen sie persönlich Mut für ihre so schwere Arbeit und Kraft, auf gute Zukunft zu hoffen. Der Osterglaube schenkt ihnen die beeindruckende Resilienz in einem Leiden, das wir in Deutschland zum Glück kaum erahnen können. Es wurde deutlich: Der österliche Auferstehungsglauben entfaltet seine Relevanz im Leiden. Ostern folgt auf die Passionszeit, in der die Kirchen das Leiden Christi erinnern. So kann der Osterglaube dazu ermutigen, im Leiden unserer Zeit standzuhalten und anderen Menschen in ihrem Leiden beizustehen. Das wird möglich, wenn ich weiß: Nach dem Leiden kommt die Freude, nach dem Tod folgt das Leben, nach der Passionszeit ist Ostern. Weil Christus auferstand, werden die Gewalttäter am Ende doch nicht siegen. Krieg und Zerstörung, Unrecht und Gewalt werden nicht das letzte Wort haben. Gott, der Christus von den Toten auferweckt hat, gibt die Kraft, auf ein Leben in sicherem und gerechten Frieden zu hoffen. Gott ist stärker als die Todesmächte, die Ängste durch Gewalt schüren. Christus ist von den Toten auferstanden in ein neues Leben, das die Todesmächte überwunden hat. So stärkt der Osterglauben die Resilienz. Das haben uns die Gäste aus der Ukraine beeindruckend vor Augen gestellt. Weil wir die Auferstehung Christi feiern, können wir selbst aufstehen, und ihnen in ihrem Leiden beistehen: Unsere Gäste baten uns, Soldaten für einige Tage aufzunehmen, damit sie sich vom Krieg erholen können, was in der Ukraine unmöglich geworden ist. Deshalb planen wir für sie eine auf Spenden basierte Sommerfreizeit auf Langeoog. Außerdem sollen ausgesuchte Soldaten bei Personen im Kirchenkreis für ein paar Tage zur Ruhe kommen. Dieser Beistand wird durch ausgebildete Seelsorgekräfte des Kirchenkreises unterstützt.
Liebe Leser/innen, ich wünsche Ihnen und uns allen die österliche Hoffnungskraft!
Frohe und gesegnete Ostern!
Superintendent Michael Mertins
Evangelischer Kirchenkreis Minden
Unterschrift zum Foto:
Ukrainische Ikone: Auferstandener Christus als Sieger über das Böse.
Gastgeschenk von Militärseelsorger Abt Iob aus Saporischschja.