Angst beginnt oft leise. Manchmal beim Blick aufs Handy am Morgen, zwischen Eilmeldungen und dem eigenen Terminkalender. Manchmal mitten in einem ganz normalen Gespräch, wenn plötzlich eine Frage hängen bleibt: Wie sicher ist das alles eigentlich noch? Wir kennen diese Unruhe, die sich nicht einfach abschütteln lässt. Sorgen um die Familie, den Frieden in der Welt. Auch der Glaube bleibt davon nicht verschont. Zweifel melden sich, vertraute Gewissheiten geraten ins Rutschen.
In diese Wirklichkeit hinein spricht Jesus einen Satz, der fast zu schlicht wirkt: „Fürchte dich nicht, glaube nur!“ (Mk 5,36). Er sagt ihn zu Jaïrus, einem Vater, der gerade die schlimmste Nachricht erhalten hat. Seine Tochter ist tot. Nichts ist gut, nichts ist heil. Und Jesu Worte machen das Geschehene nicht ungeschehen. Vielleicht tun sie sogar weh, weil sie Jaïrus nicht in der Verzweiflung stehen lassen, sondern ihn herausfordern, weiterzugehen.
Wer glaubt, weiß: So einfach ist das nicht. Glaube ist kein Licht, das man anknipst und sofort ist alles hell. Er ist ein Weg – manchmal mühsam, oft widersprüchlich. Er verlangt Schritte, obwohl der Ausgang unklar bleibt. Jaïrus geht diesen Weg. Nicht heldenhaft, sondern zögernd, und vielleicht gegen den Gedanken: Es hat keinen Sinn mehr.
Und doch ist dieser Glaube mehr als reine Willenskraft. Er ist zugleich Geschenk. Gott traut dem Menschen Vertrauen zu – und schenkt zugleich, was er verlangt. Wo wir uns ihm aussetzen, wirkt er: unspektakulär, aber verlässlich. Das Wunder an Jaïrus’ Tochter weist über sich hinaus. Es erzählt von einem Gott, der dem Tod nicht das letzte Wort lässt.
„Glaube nur“ heißt deshalb nicht: Verdränge deine Angst. Es heißt: Lass dich von ihr nicht regieren. Wage Vertrauen – immer wieder neu. Dieser Weg bewahrt nicht vor Brüchen. Aber er eröffnet eine Hoffnung, die trägt. Auch dann, wenn das Leben schwer bleibt. Und vielleicht bleibt die Frage: Welche Schritte kann ich heute wagen, auch wenn die Angst da ist?

Priester Oliver Rütten
Bezirksvorsteher Neuapostolische Kirche Minden