Wort zum Sonntag

Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.

Bleiben Sie gesund und behütet!

 Mit diesen oder vergleichbaren Wünschen schließen zurzeit viele Emailkontakte oder Telefongespräche. Darin schwingt Mitgefühl mit und die österliche Hoffnung klingt nach: Gott, der Jesus Christus von den Toten auferweckt hat, wird auch mein Leben behüten. Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele (Ps 121,7) heißt es in der Gebetssammlung im Alten Testament.

Das Gefühl des „gut behütet sein“ ist eine Voraussetzung dafür, dass wir einen positiven Zugang zum Leben behalten. Denn wirklich jeder von uns lernt gerade, dass das Leben ungekannte Risiken birgt. Dennoch hilft mir das Bewusstsein, dass da einer über mir ist und mich behütet. In diesem Wissen kann ich anders durchs Leben zu gehen. Ich lebe nicht leichtsinnig, aber frei von diffusen  Ängsten. Auch wenn unser Alltag gerade aus harten Fakten besteht, die unser „behütet sein“ auf den Prüfstand stellen.

Gott hat uns mit dem gutem Gefühl des „behütet sein“ versorgt und uns Verstand, Herz, sowie sein Wort gegeben. Damit sind wir gut ausgestattet. Der Verstand hilft, gute und richtige Verhaltensentscheidungen zu treffen und Einsicht zu zeigen. Er verhindert falschen Fakten und Versprechungen zu folgen. Das Herz ergänzt die nüchterne Einschätzung der Lage um die Erkenntnis, dass es jetzt nicht nur um uns selbst geht. Unser Herz sieht und erkennt andere Aufgaben als unser Verstand. Wie geht es dem Nachbarn neben mir? Welches Telefongespräch kann ich führen, damit sich ein anderer Mensch behütet fühlt? Wie kann ich jemanden mitten in seinen Sorgen ermuntern, eine Zukunft zu planen. Wie kann ich für denjenigen eine Stütze sein, dessen Leben gerade auf dem Kopf steht? Die gesuchten Antworten werden so vielfältig sein, wie die betroffenen Menschen mit ihren Lebenslagen. Sie zu finden ist entscheidend.

Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele – das wünsche ich Ihnen heute von ferne.

Ulrike Lipke

Ulrike Lipke

Pfarrerin, Mediothek in Minden

Nah ist und schwer zu fassen der Gott

„Nah ist und schwer zu fassen der Gott“, stellt Friedrich Hölderlin in einem seiner bekanntesten Gedichte fest.

 

Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn wir in diesen Tagen in die Straßen und die Infektionsstationen der Krankenhäuser schauen: Das CoVid 19-Virus sorgt weltweit für Chaos. Öffentliches Leben ist auch bei uns fast zum Erliegen gekommen. Das Gesundheitssystem, Ärzte- und Pflegepersonal werden bis an die Grenzen und darüber hinaus belastet. Gerade Alte und chronisch Kranke gehören zur Risikogruppe und sollen das Haus nicht mehr verlassen. Schwer zu fassen, was diese Einschränkungen in der Karwoche bedeuten. Versammlungen, Konzerte – aber auch Andachten und Gottesdienste finden nicht mehr statt. In diesen alten Riten wollen wir Gottes Nähe erfahren. Doch Johannespassion, Feierabendmahl am Gründonnerstag und Eucharistie am Karfreitag fallen genauso aus wie die zahlreichen Osterfeiern mit Feuer und Spaziergang mit Freunden. Schwer zu fassen.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, setzt Hölderlin fort. Da, wo Gott sich entfernt, wo wir ihn nicht mehr fassen können, kommt er uns auf andere Weise nahe. Schwer zu fassen war die Vorstellung, wie die vielen alten Menschen in ihren Wohnungen sich selbst überlassen bleiben sollten. Umso erfreuter waren wir von der Hilfsbereitschaft der Jüngeren, als wir die Einkaufshilfe auf die Beine stellen wollten: Innerhalb von zwei Stunden hatten sich gut 25 Freiwillige gemeldet, für die Älteren Einkäufe und Besorgungen zu erledigen.

Diese Hilfsbereitschaft ist ein wichtiges Signal in den chaotischen Verhältnissen dieser Tage. Es zeigt die Stärke und das Zusammengehörigkeitsgefühl unserer Gemeinschaft. Keiner soll vergessen werden! Oder dieses Beispiel: Ehrenamtliche packen Ostergeschenke für das Johannes-Wesling-Klinikum. Ärzte- und Pflegepersonal, Reinigungs- und Sicherheitsdienst, alle, die nicht zuhause bleiben können, weil sie für andere da sein müssen, werden beschenkt.

 

In diesem Jahr wird die Karwoche komplett anders ausfallen. Die verhängte Kontaktsperre rettet vielen Menschen das Leben. Doch wird es nicht leicht, in der verordneten Distanz die Feiertage zu feiern. Sinnvoll, aber ungewohnt.

In der Geschichte des Leidensweges Jesu nach Golgatha zeigt sich, wie Gott die menschengemachten Distanzen durchsteht und schließlich überwindet. Am Ostermorgen entsteht unerwartet eine neue Gemeinschaft.

Wir wünschen Ihnen und Euch, auch wenn Familie, Freund*innen und Gemeinde in den nächsten Tagen nicht in der Nähe sein können, dass Gottes Nähe sich neue Wege sucht. Spontane Balkon- und Wohnzimmerkonzerte, unerwartete Begegnungen im Netz oder im Treppenhaus, verordnete und trotzdem heilsame Entschleunigungen sind echte Bereicherungen und erneuern ganz nebenbei die alten Feiern der Karwoche.

Frieder Küppers

Frieder Küppers

Pfarrer in der St.-Marienkirchengemeinde Minden

Lass los, das Wichtigste behältst Du

Regen ist nicht nur gut für die Natur. Regen hält mich in der Wohnung und ich gehe in das Zimmer, wo so alles lagert, was keinen richtigen Platz in der Wohnung gefunden hat. Ich schaue in die Regale und hinter die Schranktüren. Ach, denke ich, „das“ hast Du auch noch?! Es ist gefühlt eine Ewigkeit her, seit ich „das“ zum letzten Mal in der Hand hatte. Ich beschließe, mich nun endgültig davon zu trennen… Schließlich ziehe ich einen Karton aus dem Schrank. Darin lagern Bilder. Sie führen mich in längst vergangene Tage. Sie zeigen Menschen, deren Namen ich nicht einmal mehr kenne. Und auch wenn mir die Menschen fremd geworden sind, verbinde ich mit dem ein oder der anderen Erlebnisse, Begegnungen und jene Zusagen, dass man sich besuchen werde. Das ist lange her und zu dem Besuch ist es nie gekommen. Die Wege haben sich getrennt. Müßig darüber nachzusinnen, was aus der einen oder dem anderen geworden sein mag. Ich werde mich von den Bildern trennen, ohne Groll. Meine Familie kann mit den Bildern nichts anfangen und die Geschichten, die ich damit verbinde, erschließen sich meinen Angehörigen nicht. Es gab Zeiten, da hätte ich festgehalten, aufbewahrt und nichts losgelassen von alle dem, was ich in meinem Leben zusammengetragen und erlebt habe. Ich hätte meine Kinder mit Geschichten genervt, die ihnen letztlich immer fremd geblieben wären. Doch diesen umfassenden inneren Konflikt lasse ich los, wie ich die Bilder und Gegenstände loslasse. Und mir fallen Worte aus dem ersten Buch Mose ein: „Steht … nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur  Linken, so will ich zur Rechten und willst du zur Rechten, so will ich zur Linken.“ (1. Mose 13,9) Ich lebe heute, im Hier und Jetzt, habe Menschen, die mir verbunden sind, gehe Aufgaben nach, die mich erfüllen. Die Vergangenheit ist vergangen und die Menschen auf den Bildern sind ihren Weg gegangen und ich bin den meinigen gegangen. Und der Lebensweg hat mich immer weitergebracht. Ein Segen, der vielleicht von mancher und manchem so nicht gesehen wird, weil es Menschen mitunter nicht gelingt, loszulassen von dem, was unwiederbringlich vergangen und verloren ist. Sie bleiben hängen und gefangen in Erinnerungen und sie sehen mitunter nicht, was jeder Tag an neuen Lebensmöglichkeiten bereithält. Wer sich dagegen dankbar trennt und sich dem Leben, den Menschen um sich und neuen Herausforderungen zuwendet, der wird gesegnet und das erkennt man dann sogar an Tagen, an denen es regnet. Seien Sie gesegnet.

Christoph Kretschmer

Christoph Kretschmer

Pfarrer, am Freiherr vom Stein Berufskolleg