Wort zum Sonntag
Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.
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wir befinden uns zu Beginn der Adventszeit, einer besonderen Zeit der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Mit der Adventszeit hat das neue Kirchenjahr begonnen. Wenn Sie diesen Jahresbeginn kaum gemerkt haben, dann liegt es daran, dass das Kirchenjahr ganz leise ankommt. Wenn in der Silvesternacht das Neue Kalenderjahr begrüßt wird, dann wird es kaum zu übersehen sein. Es wird sehr laut, sehr hell sein. Viel Heidenlärm, aber auch viel Heidenangst, die durch die lauten Feierlichkeiten verdrängt werden sollen. Was bringt die Zukunft, was bringt das Neue Jahr? Das neue Kirchenjahr kommt mit nur einem Licht, mit dem Licht der ersten Adventskerze. Aber dieses kleine Licht ist in der Lage, die größte Finsternis zu überwinden, es hat eine Botschaft: Gott lässt uns nicht allein, er kommt in diese Welt, in unsere Dunkelheiten. Dieses Licht sagt uns:
So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Und wo in dieser Botschaft von der Welt, von allen die Rede ist, da darf jeder seinen eigenen Namen hören.
Um diese wunderbare Zusage mit dem Herzen zu vernehmen, müssen wir zur Stille kommen. Sie kommt ja ganz sanft und leise daher. Deswegen ist die nun beginnende Adventszeit so wichtig, eine Zeit der Vorbereitung auf das Kommen Gottes in diese Welt, eine Zeit der Einkehr und der Stille. Lasst uns in die Botschaft der Adventslieder hineinhorchen:
Tragt in die Welt nun ein Licht,
sagt allen: Fürchtet euch nicht!
Gott hat uns lieb, groß und klein!
Seht auf des Lichtes Schein.
In diesem Sinne wünsche ich
Ihnen eine gute und gesegnete
Advents- und Weihnachtszeit

Beate Rethemeier
Pfarrer in der Kirchengemeinde Petershagen
Was bleibt…
Ein Aschenbecher, ein paar Schaufeln Humus – viel ist es nicht, was am Ende übrigbleibt, falls ich nicht mehr aufwache. Die ewigen Sekunden, bevor der Gott in Weiß im OP die letzte Spritze setzt und mein Gehirn für 2 Stunden in Tiefschlaf versetzt, sind wie die Vorwegnahme der letzten Dinge.
Die Aufnahme ins Krankenhaus zeigt am klarsten, was (un)wichtig ist im Sterben und damit auch im Leben. Wie auch immer im individuellen Fall: Grundsätzlich-existenziell gesehen sind neunzig Prozent – wenn nicht noch mehr – unseres menschlichen Lebens „Eitelkeit und leerer Wahn“, wie es die Dichter barocker Kirchenlieder mit ihren Worten als zeitlose Diagnose der Menschheit ausgedrückt haben.
Nichts bleibt. Nichts als 0,1 Gramm: Meinem wohlinformierten Bettnachbarn zufolge ist dies das durchschnittliche Gewicht einer menschlichen Seele, wie kalifornische Wissenschaftler mit Experimenten an Sterbenden herausgefunden haben. Nicht ganz ernstzunehmen, aber nachdenkenswert.
0,1 Gramm für die Ewigkeit – verglichen mit den 84 Kilo Lebendgewicht in meinem Fall verdammt wenig auf den ersten Blick. Mag sein, das ist so wie ein Chip in einer Maschine, ein paar Gramm Künstliche Intelligenz in meinem Laptop sind auch mehr als die 1,6 Kilo Blech und Kunststoff; mit dem Unterschied, dass der Chip irgendwann auch hops geht, sogar schneller als manche Teile der Hardware. Wie dem auch sei. Nach Jesus geht es im Leben und Sterben nicht um Quantität, sondern um Qualität. Das meint er ja wohl mit dem Gleichnis von dem Kaufmann, der sein ganzes Kapital flüssig machte, nur um eine einzige winzige Perle zu ersteigern.
0,1 Gramm (mehr oder weniger): Diesen meinen Ewigkeitsspeicher sollte ich versuchen – wenn ich nach geglückter OP wieder aufwache, wovon ich ausgehe, Gott sei Dank! -, mit möglichst kostbaren Daten meines Lebens zu füttern, als Gnade einer neuen Geburt. Nicht mit Egoismus, Ignoranz, Engstirnigkeit und Feigheit, sondern mit dem was wirklich bleibt: dem Bild des flammenden Herbstlaubs, der funkelnden Tautropfen im silbernen Spinnennetz, dem Gesicht des geliebten Menschen, des Erschauerns vor eigener Schuld und des Vergebens anderer, dem Glück des Schenkens und Beschenktwerdens.
Viel ist es nicht, was bleibt – aber was bleibt, ist das Entscheidende. „Die Liebe ist stärker als der Tod“, flüstert in der hebräischen Bibel die erleuchtete Stimme denen, die es hören wollen, ihre Erkenntnis zu, nachdem sie das Geheimnis erfüllten Lebens ans Licht gebracht hat (Hoheslied 8,6). Oder mit den Worten des Apostels Paulus: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe – aber die Liebe ist die Größte unter ihnen“ (1. Kor. 13, 13).

Andreas Brügmann
Pfarrer in der St. Simeoniskirchengemeinde
Erinnerung versöhnt und heilt…
Letzte Woche war ich mit fast 60 SchülerInnen und einem Kollegen aus dem Leo-Sympher Berufskolleg in der NS-Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg. Wir besuchten die Ausstellung „Ideologie und Terror der SS“. Einer fragte, wie Menschen angesichts dieses Terrors, dieser Gräueltaten überhaupt noch an Gott glauben können. Warum Gott, wenn er allmächtig geglaubt wird, so viel unsägliches Leid zulassen kann. Fragen, die nicht nur nach den Erfahrungen im „Dritten Reich“ und im zweiten Weltkrieg viele Menschen gestellt haben. Darauf gibt es keine einfache Antworten. Aber es gibt das Erinnern. Und es gibt Gespräche mit Zeitzeugen – in der eigenen Familie und an anderen Orten der Gesellschaft. Das kann uns heute weiterhelfen. Eine Möglichkeit, den Gesprächsfaden mit Gott nicht abreißen zu lassen, ist die Bitte um Frieden. Es ist die Bitte um Aussöhnung und um Vergebung wie im Gebet von Coventry (1958), das die Aufgabe der Versöhnung in der weltweiten Christenheit umschreibt: Es wird an jedem Freitagmittag um 12 Uhr im Chorraum der Ruine der alten Kathedrale in Coventry und in vielen Orten der Welt gebetet, allein in Deutschland an 60 Orten.
„Nach der Zerstörung der Kathedrale im englischen Coventry im November 1940 durch deutsche Bomben ließ der damalige Dompropst Howard das Wort „Vater vergib“ in die Wand der Ruine meißeln. Das Gebet von Coventry greift dies auf:
„Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse:
Vater, vergib.
Das habsüchtige Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr eigen ist:
Vater, vergib.
Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet:
Vater, vergib.
Unseren Neid auf das Wohlergehen und vermeintliche Glück der anderen:
Vater, vergib.
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge:
Vater, vergib.
Die Gier, die Frauen, Männer und Kinder entwürdigt und an Leib und Seele missbraucht,
Vater, vergib.
Der Rausch, der Leib und Leben zugrunde richtet:
Vater, vergib!
Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf dich,
Vater, vergib.
Lehre uns, o Herr, zu vergeben und uns vergeben zu lassen, damit wir miteinander und mit dir in Frieden leben. Darum bitten wir um Christi willen.“
Erinnerung versöhnt und heilt! Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen am Volkstrauertag

Maike Brodowski-Stetter
Pfarrerin am Leo-Sympher-Berufskolleg in Minden