Wort zum Sonntag

Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.

Allerheiligen

In der kommenden Woche feiert die katholische Kirche, einen Tag nach dem Reformationstag, das Hochfest Allerheiligen. Dabei gedenkt sie aller Menschen, die im Laufe der Geschichte ein besonders vorbildliches Leben aus ihrem persönlichen Glauben herausgeführt haben. Bei aller Unterschiedlichkeit und aller Zeitbedingtheit können sie auch heute als Vorbild gelten und um ihre Fürsprache gebeten werden.

Das 2. Vatikanische Konzil (1962-1965) versteht die Kirche als eine göttliche Gründung, die aus Heiligen und Sündern besteht. In diesen Tagen ist vor allem der letztere Teil im Blick. Nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz bestimmen Scham, Fassungslosigkeit und Trauer die innerkirchliche Gefühlswelt. Und dabei gibt es nichts zu relativieren oder zu beschönigen. Und auch wenn manche Personalverantwortliche in der Vergangenheit Täter schützten, weil sie meinten, die Institution Kirche schützen zu müssen, war dieses gutgemeinte das Gegenteil von gut, denn Schutz und Hilfe brauchen die Opfer.

Ich bin kein Mediziner, aber ich habe am eigenen Leib erlebt: Der Eiter muss raus. Der Schaden, den einzelne Mitbrüder den Opfern, der Kirche und ihrer Sendung angetan haben, ist ungeheuer groß und in vielen Fällen nicht wieder gut zu machen.

Ohne zu relativieren lenkt das Hochfest am kommenden Donnerstag unseren Blick auf die andere Seite der einen Wirklichkeit, zu der wie das 2. Vatikanische KOnzel festhält, es gehört, dass die Kirche eine semper reformanda eine stets zu erneuernde ist.

Roland Falkenhahn

Roland Falkenhahn

Propst am Dom und Leiter des Pastoralen Raumes Pastoralverbund Mindener Land

Freiheit durch die Gebote Gotte

Vor ein paar Tagen waren meine Frau und ich für eine Woche in Sellin auf Rügen. Es waren sonnige Urlaubstage, so dass wir auch am Südstrand der Steilküste entlang gegangen sind. An einigen Stellen waren deutliche Sandabbrüche zu erkennen, die bis fast ans Wasser ragten. Erst nach einer Weile sah ich die Warnhinweise „Lebensgefahr“ und die Absperrung mit dem rot-weiß-gestreiften Band. Doch niemand kümmerte sich darum. Es gab sogar viele Fußspuren im Sand, die hinaufführten, um das Kliff zu erklimmen. Später habe ich dann erfahren, dass wenige Tage zuvor eine ältere Dame bis zum Hals verschüttet wurde, aber gerettet werden konnte. Automatisch kam mir das furchtbare Unglück von Weihnachten 2011 in Erinnerung, wo ein 10-jähriges Mädchen am Kap Arkona nach einem Abbruch ums Leben kam.

Warnhinweise und Verbote möchten wir nicht gern hören, schon gar nicht den erhobenen Zeigefinger im Urlaub sehen. Wir wollen uns nicht einschränken, auch wenn es lebensgefährlich werden kann.

Mit Konfirmanden habe ich oft ein Gedankenspiel gemacht zum Thema: Wenn alles erlaubt wäre. Zunächst gab es eine große Begeisterung. Doch schon bald merkten wir alle, dass dies kein freies und schönes Leben wäre, weil doch die Freiheit des einen oft die Unfreiheit des anderen bedeutet. Wir stellten fest: Wenn wir uns von den Geboten Gottes freimachen, dann ergibt sich keine bessere, sondern ein ziemlich schreckliche Welt. Das hat nichts damit zu tun, dass wir dann unsere Freiheit einschränken müssen. Die Gebote Gottes geben vielmehr Hinweise darauf, wie das Leben heil und frei werden kann. Sie geben die Richtung für ein gutes, gelingendes und glückliches Leben an.

Aus dem für den Sonntag vorgeschlagenen Predigttext des Propheten Jeremia hören wir das Wort: „Mein Plan mit euch steht fest: Ich will euer Glück und nicht euer Unglück. Ich habe im Sinn, euch eine Zukunft zu schenken, wie ihr sie erhofft. Ich, der HERR, sage es.“

Hans-Walter Goldstein

Hans-Walter Goldstein

Pfarrer in den ev.-luth. Kirchengemeinden Buchholz und Ovenstädt

Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat….

Ich sehe die beiden alten Männer noch genau vor mir, wie sie sonntags sich gegenseitig stützend zum Gottesdienst kamen. Es war in den 90ziger Jahren. Kurt war 93, groß, schlank, Kräftig. Altersbedingt war er blind geworden. Früher, in seinem kommunalpolitischen Engagement hat er die Werte der SPD verkörpert. Er war also dem Volksmund nach rot. Karl war 89, körperlich etwas gedrungen, krankheitsbedingt auf den Rollstuhl angewiesen, traditionell geprägt. Er liebte die CDU. Er war nach dem Volksmund schwarz. In verschiedenen Ausschüssen brachte er seine Kompetenz ein. Ich hatte mir erzählen lassen, dass sie da, wo sie sich begegneten, leidenschaftlich um die Sache gerungen hatten. Da sei es manchmal heiß hergegangen und es wurde mit harten Bandagen gekämpft. Aber sie hatten nie den Respekt und die Achtung voreinander verloren, so unterschiedlich sie auch gewesen waren.

Jahre später trafen sie in Salem aufeinander. Beide vom Leben gezeichnet. Keiner konnte mehr alleine leben. Sie hörten voneinander. Sie entdeckten sich mit ihren verbliebenen Ressourcen. Sie kamen zusammen zum Gottesdienst. Kurt, der nichts mehr sehen konnte, schob den Rollstuhl. Und Karl gestikulierte wild, beschrieb dabei lauthals den Weg: etwas links, Achtung Tür… Sie wurden ein eingespieltes Team. Als Paar kamen sie zum Abendmahl. Sie wurden zum lebendigen Gleichnis, wie der Glaube Menschen verbinden und versöhnen kann. Aus Achtung, aus Respekt und Liebe!

Mich faszinieren solche Beispiele! Sie zeigen, es geht immer noch einmal anders. Die alte Tugend des Respektes, die uns manchmal hart und autoritär in den Ohren klingt, birgt viele Farben in sich. Sie nimmt den ganzen Menschen in Blick und sucht in allen Sprachen des Körpers nach Ausdruck. Respekt wird spürbar in zarten Berührungen, Gesten und Bewegung. Respekt lässt sich in Augen lesen, in einem liebevollen oder staunenden Blick. Wer ihn pflanzt, investiert ins Leben.
„Nehmet einander an wie Christus euch angenommen hat zum Lobe Gottes“. (Rö.15,7)

Zärtlich nimmt die Mutter das Kind in den Arm, schaut sich das aufgeschlagene Knie an, tröstet und wischt die Tränen ab, die die Wange des Kindes hinunterlaufen. Nun kann alles wieder gut werden, zumindest ein Stück weit. Auch wenn wir erwachsen sind, gibt es diese Momente, in denen es so wohltuend ist, wenn wir getröstet werden. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen …“. Was für ein starkes Bild finde ich im letzten Buch der Bibel, gerade richtig für graue, trübe Novembertage. Die Worte berühren mich. Gott sieht jede Träne, die ein Mensch weint: Tränen der Trauer und des Schmerzes, Tränen der Verzweiflung und des Leids. Bei ihm sind sie gut aufgehoben. Ganz gewiss schaut er nicht aus irgendeiner Ferne auf unsere Sorgen und Nöte, vielmehr kommt er zu jedem und jeder von uns persönlich, rührt uns an. Wir dürfen unsere Tränen weinen, unseren Schmerz zeigen. Gott bietet sich als Adressat unserer Tränen an. Aber er ermutigt uns auch, die Trauer und die Tränen unserer Mitmenschen zu begleiten, Tränen bei ihnen abzuwischen. Gott tröstet. Oftmals erleben wir das durch liebevolle Worte, kleine Gesten und Zeichen, die ein anderer Mensch uns schenkt. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein …“ – Eine zärtliche Berührung Gottes, die etwas von dem erahnen lässt, das einmal sein wird. Es wird eine Zeit kommen, in der alle Tränen getrocknet sein werden. In Gottes Ewigkeit wird es keine Tränen und auch keinen Tod mehr geben. Dafür steht Jesus Christus, ein Lichtblick in den Schattenseiten unseres Lebens. Er hat dem Gott, der am Ende die Tränen abwischen wird, vertraut. Das dürfen wir auch. Alles kann gut werden.

Hans-Ulrich Görler

Hans-Ulrich Görler

Pfarrer in Salem Köslin und in St. Martini, Minden