Wort zum Sonntag

Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.

Wort zum Sonntag 03.05.2026

Sie ist nicht auf ihrem Zimmer. Merkwürdig, denke ich. Es ist doch ihr Geburtstag. Habe ich vielleicht die Zimmernummer verwechselt? Nein. Zimmer 115, Luise Krause. Das Pflegeheim-Team hat sogar einen kleinen Blumenkranz aus Papier an die Tür geheftet. Plötzlich öffnen sich die Fahrstuhltüren auf dem Gang und sie wird im Rollstuhl herausgeschoben. „Frau Krause“, rufe ich, „herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“. Die alte Frau lächelt mich an. Ich weiß, dass mein Zeitfenster beschränkt ist. Gleich beginnt das Mittagessen. Dann wird die Pflegerin wiederkommen und sie abholen.

Zeit mit einem demenzkranken Menschen zu verbringen, ist nicht leicht. Nach fünf Minuten scheint man gewöhnlich alles gesagt zu haben. Dann folgen nur noch Wiederholungen. Das, was eben noch Neues erzählt worden ist – vergessen.

Doch plötzlich steht eine neue Frage im Raum: „Woher kommen Sie eigentlich?“ Überrascht beginne ich zu erzählen von unserem Dorf an der Weser und ihrem Haus, das dort steht. Ich berichte ihr, wie gut ihre Rosen wachsen, die sie immer mit viel Liebe gepflegt hat. Ich erzähle von unseren Gottesdiensten und dem Platz in der Kirche, der stets ihr gehört hat: ihr Stammplatz. Wie sie bei allen Ereignissen in der Gemeinde immer dabei gewesen ist; tatkräftig und hilfsbereit. Währenddessen sagt sie kein Wort. Sie hört mir nur aufmerksam zu. Dann sagt sie: „Was sie alles von mir wissen! Wie schön!“ Ich muss schlucken. Demenz ist eine furchtbare Krankheit. Doch zu wissen, dass ich gehalten werde von jemandem, der sich weiterhin auskennt, der Bescheid weiß über mich und mein Leben und alle meine Eigenarten kennt, selbst, wenn ich sie vergessen habe, ist für mich tröstlich. Selbst wenn ich den Überblick verloren habe und mich nicht mehr zurechtfinden kann – in mir drin und um mich herum – gibt es diesen einen, Gott, der genau weiß, wer ich bin. Am Ende zu ihm sagen zu können: „Was du alles von mir weißt! Du hast ja tatsächlich nichts vergessen.“ Das lässt meine Angst vor Demenz kleiner werden.

Pfarrerin Esther Witte

Pfarrerin Esther Witte

Kirchengemeinden Schlüsselburg, Heimsen, Windheim/Neuenknick

Endlich Wochenende – aber die Ruhe fehlt

​Endlich Wochenende. Endlich Zeit für Erholung. Mein Kalender war in der vergangenen Woche gut gefüllt: Arbeit, Familie, Sport, Verabredungen, Verpflichtungen – eins reihte sich ans andere.
Jetzt liegen zwei freie Tage vor mir, und ich freue mich darauf, einfach mal auszuspannen. Doch ich merke: So richtig zur Ruhe komme ich nicht. Immer gibt es noch etwas zu tun: Wäsche, Einkaufen, Haushalt, Dinge, die unter der Woche liegen geblieben sind.
Im Matthäusevangelium lese ich einen bemerkenswerten Satz über Jesus: „Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg Jesus allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.“ (Matthäus 14,23)
Hinter Jesus liegt ein anstrengender Tag. Er hat gepredigt, geheilt, Menschen geholfen und Tausende satt gemacht. Viele haben etwas von ihm erwartet, vieles hat an ihm gezehrt. Und dann?
Er sucht die Nähe Gottes. Jesus zieht sich zurück an einen stillen Ort, um zu beten und aus der Verbindung zu seinem Vater neue Kraft zu schöpfen. Er bringt vor Gott, was ihn bewegt und belastet.
Das ist ein wichtiger Gedanke für mich: Nicht allein die Pause erholt, sondern die Zeit mit Gott in der Pause. Natürlich brauche ich Schlaf, Ruhe und freie Zeit. Aber oft bleibt trotzdem eine innere Unruhe zurück – der Körper ruht, doch die Seele kommt nicht wirklich zur Ruhe.
Zeiten mit Gott sind deshalb kostbar. Bei ihm darf ich loslassen, muss nichts leisten und nicht stark sein. Bei ihm darf ich einfach sein. Wenn ich bete, still werde und ihm sage, was mich beschäftigt, erschöpft oder sorgt, dann muss ich diese Last nicht mehr allein tragen.
Ich glaube, heute starte ich den Tag einmal anders: mit einem Spaziergang. Und dann erzähle ich Gott einfach von meiner Woche – von dem, was mich gefordert hat, von dem, was schwer war, und von dem, wofür ich dankbar bin und was mich erfreut hat. Vielleicht ist genau das ein guter Weg ins Wochenende: sich wie Jesus bewusst zurückzuziehen – und Gott wieder Raum zu geben.

Michael Vitt

Michael Vitt

Gemeindepädagoge, Ev.-Luth. Kirchengemeinde An der Bergkante

Eine erfolgreiche Fußball-WM?

​Wie erfolgreich wird die Fußball WM im Sommer sein, mal ganz abgesehen vom Abschneiden der deutschen Mannschaft? Trump wird sie zur schönsten und besten aller Zeiten erklären. Und jedem ist klar, dass Großveranstaltungen des Sports, wie die kommende Fußball WM, politische Bühnen sind. Diese Bühne weiß Trump zu nutzen. Und auch Infantino will vorne mitspielen. Infantino hat ja Trump unlängst den lächerlichen und eigens für ihn gestifteten Fifa-Friedenspreis verliehen.
Und wer setzt sich für die Grundsätze des Sports ein? Als Christen wissen wir, dass Frieden und ein gerechtes Miteinander keine Show sind, sondern das Ergebnis der Einsicht von uns allen gegenüber den Wegen Gottes. Wenn ein Spieler ausgepfiffen wird oder rassistisch beleidigt, da erheben viele ihre Stimme und nehmen Stellung für einen fairen Sport. Aber zu den Veranstaltern der WM herrscht großes Schweigen. Wenn sich Funktionäre überhaupt einmal zur völkerrechtswidrigen und menschenverachtenden Politik Trumps und zu der Verletzung der Privatsphäre der Fans und der Unterdrückung von Kritik äußern müssen, sagen viele: Wir wollen doch Sport und Politik trennen. Es ist schon klar, nichts soll das Geschäft stören. Und auch die Fans hoffen auf Spiele ohne Boykott. Aber was tut der Sport, um seine Grundsätze von Fairplay, Toleranz, und Mitmenschlichkeit zur Geltung zu bringen, wenn viele Funktionäre und Reporter schweigen. Diese WM können nur Spieler und Fans retten, indem sie eindeutig gegen Krieg, Massenabschiebungen, Rassismus und Korruption Stellung beziehen. Kein Stadion, kein Talk und keine Fanmeile dürfen ohne Hinweis auf die Folgen von Krieg und Menschenverachtung sein.
Als Kirche haben wir eine klare Haltung. Trump und Infantino können das Recht nicht mit Füßen treten. Die Kirche erinnert an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten.

Clemens Becht

Clemens Becht

Pfarrer, Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Marien/Bezirk St. Lukas