Wort zum Sonntag

Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.

ER hat längst JA gesagt

​Gefühlt habe ich vorgestern noch die Anmeldungen zur Erstkommunionvorbereitung verschickt und gestern erst mit der katechetischen Arbeit begonnen. Jetzt ist der Tag da, an dem 46 junge Menschen erstmals den Leib des Herrn empfangen. Meine Aufgabe war es in den letzten Monaten nicht, alles selbst zu machen; ein kompetentes Team Ehrenamtlicher stand mir zu Seite, leitete Gottesdienste und Gruppenstunden, brachte Ideen ein, packte an. Als Gemeindereferentin koordinierte und organisierte ich, hielt den roten Faden. Gerade kurz vor der Erstkommunion ist ein klarer Leitfaden nötig. Zwischen Absprachen und letzter Planung darf das Wichtigste nicht verloren gehen. Den Leitfaden schlechthin fand ich in der Lesung des heutigen Sonntages. „Die Gläubigen hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“ (Apg 2,42). Der Vers bringt auf den Punkt, worum es bei der Erstkommunion, bei Kirche überhaupt geht: Die „Lehre“ ist, was wir den Kindern an die Hand geben, wenn sie das Glaubensbekenntnis als Sprache für Hoffnung und Vertrauen kennenlernen. „Gemeinschaft“ ist das Netz, das trägt: die brennenden Taufkerzen und das Bekenntnis der Kinder rufen uns zu: Als Getaufte(r) bist Du ein Kind Gottes, ein Glied der Kirche, ein wichtiger Teil der Gemeinschaft aller Gläubigen! Dann „das Brechen des Brotes“: Erstmals empfangen die Kinder dieses „Stück Brot“. Es ist Christus selbst, der sich hier teilt: Still, unspektakulär und deshalb so besonders. Das Tischgebet, das Vaterunser, sprechen manche noch zögernd, andere ganz selbstverständlich. Aber die Botschaft scheint angekommen: Beten ist keine Zauberei oder Leistung. Es ist eine Verbindung, eine Art, Gott Platz im Leben zu geben. Wie befreiend es doch ist, dass Glaube nicht damit beginnt, dass ich alles verstanden habe. Er beginnt damit, dass Gott schon längst „Ja“ gesagt hat. Weiter geht es in meiner Geschwindigkeit zu erkennen, dass ich diesem Ja trauen darf…

Michaela Langner

Michaela Langner

Gemeindereferentin im Pastoralverbund Mindener Land

Gedanken zu Palmsonntag

Liebe Leserinnen und Leser,
der morgige Sonntag heißt Palmsonntag. Er trägt seinen Namen nach der biblischen Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem. Menschen stehen am Stadttor und auf den Straßen und jubeln. Sie legten Palmzweige und bunte Kleider auf den Weg. Jetzt kommt er, der Gottessohn, der Messias. Jetzt beginnt eine neue Zeit! Frieden und Freiheit statt römischer Besatzung, Gerechtigkeit, das Ende der Not. Er kommt im Namen Gottes. Das waren hohe Erwartungen an Jesus. An ihm schieden sich die Meinungen: Du bist der Sohn Gottes. Du bist ein Scharlatan, ein Unruhestifter. Er hat mich geheilt. Seine Worte berühren mich. Er erzählt von Gott, wie keiner vor ihm. Er befreit unser Volk. Seine Familie hielt ihn für verrückt. Andere sagten sogar, er sei mit dem Teufel im Bunde. Wer bist du also? Vor allem – wer bist du für mich?
In unserer Zeit kommt eine Gleichgültigkeit hinzu. Jesus, christlicher Glaube? Was soll ich damit, interessiert mich nicht, ist mir egal. Die christlichen Kirchen verlieren an Bedeutung und Akzeptanz. Kaum mehr als die Hälfte der Menschen in unserem Land gehören einer christlichen Gemeinschaft an. Ist damit die Botschaft erledigt?
Dass sich Güte und Barmherzigkeit lohnen. Dass das Leben mehr ist als das, was wir in unsren Taschen nach Hause tragen? Dass Gott eine neue Qualität von Leben verspricht? Dass am Ende nicht die Skrupellosen, Brutalen und Totschläger triumphieren, sondern Gott selbst. Dafür bürgt Jesus mit seinem Namen. Dafür bürgt seine Auferstehung von den Toten. Und das gibt dem Glauben auch etwas Trotziges. Diesem Glauben gegen den Augenschein, gegen eine Welt, die uns weiß machen will: Gott und der Glaube haben sich erledigt. Da bin ich doch gerne trotzig.

Dieter Maletz

Dieter Maletz

Pfarrer aus Oberlübbe - Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde An der Bergkante

Der Kampf für die Freiheit – oder: für andere den Kopf hinhalten

​Ende November 2025 – Während einer Reise durch die Westukraine sind wir in Lviv, dem ehemaligen Lemberg, zu Besuch. Die gemütliche Atmosphäre dieser alten galizischen Metropole, der kulturelle Reichtum der Stadt, die Gastfreundschaft der orthodoxen Gemeinde und die angeregten Gespräche über Hilfsprojekte und die Zukunft der Ukraine im europäischen Kontext schenken uns bald das Gefühl, dort in der Fremde zu Hause zu sein. Bei der Tour durch die Innenstadt stehen wir auf dem „Ehrenfeld“, dem Friedhof für die Kriegsopfer aus Lviv. Im Februar 2022 war hier noch eine weite Stadtpark-Wiese. Jetzt sehen wir über 1000 Gräber, die meisten mit Fotos der Verstorbenen. Es sind fast alles junge Menschen, die in die Kamera lächeln. Die neuen Fahnen auf den Gräbern und das Meer an frischen Blumen lassen eine tägliche Grabpflege der Angehörigen vermuten.
Wir stehen vor dem Grab von Irina Tschubuch. Sie war Sanitäterin und Journalistin. Später erfahren wir, sie hätte bereits 2014 bei der Krim-Annexion als 14-jährige Jugendliche ehrenamtlich verletzte ukrainische Soldaten versorgt. Nach der russischen Invasion hatte sie diese Arbeit fortgesetzt und Kriegsopfer von der Front zu bergen geholfen. Die Gefahr ihrer Arbeit war ihr bewusst. In einem Brief an ihren Bruder beschreibt sie das Motiv ihres Einsatzes:
„Um die Kraft zu haben, ein freier Mensch zu sein, muss man mutig sein. Denn nur die Mutigen finden Glück. Es ist besser, im Kampf zu sterben, als zu verrotten.“
Irina Tschubuch hatte sich für ein freies Leben entschieden. Ein Leben unter der russischen Invasion wäre für sie ein fauler Kompromiss gewesen. Ihr unbewaffneter Einsatz für die Opfer der Invasion zeigt eine unüberwindliche Stärke. Der Machtgier wird eine klare Grenze gesetzt. Für ihre Schutzbefohlenen war ihr gefährlicher Einsatz eine lebensrettende Hilfe.
Es gibt Menschen, die stellvertretend für andere den Kopf hinhalten und damit etwas Großes schaffen. Wie der Gottesknecht, von dem vor 2500 Jahren gesungen wurde: „Er trug unsere Krankheiten und lud auf sich unsere Schmerzen… Wegen unserer Verfehlungen ist er verwundet, um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten. Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53, 4-5)
Die vielen verletzten Frontsoldaten, die Irina Tschubuch ihr Leben verdanken, werden dieses alte Jesaja-Lied für sie singen können.
Ende Mai 2024 stirbt Irina Tschubuch bei einem russischen Angriff. Ihr Leichnam wird in ihre Heimatstadt Lviv überführt. Menschen stehen an den Straßenrändern und gehen spontan in die Knie, um dieser Freiheitskämpferin ihren Respekt zu zeigen. Russische Präsidenten werden kommen und gehen. Doch über ihren Dienst für die Freiheit werden die Menschen in Lviv und überall in der Welt noch in hundert Jahren erzählen.

Frieder Küppers

Frieder Küppers

Pfarrer, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Marien