Wort zum Sonntag

Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.

Heimwege

Die schwarze Krawatte sitzt noch etwas eng am Hals. Eigentlich könnte ich sie ein wenig lockern. Die Trauerfeier ist vorbei und ich sitze wieder für mich im Auto nach Haus. Der Abschied auf dem Friedhof ist zu Ende. Alle Gäste sind gegangen. So langsam kehre ich wieder ins normale Leben zurück. Im Autoradio läuft irgendein fröhliches Lied und bald erzählt der Moderator vom anstehenden Wochenende. Gerade denke ich an gar nichts. Oder vielleicht doch noch einmal an die trauernden Angehörigen, von denen ich mich gerade verabschiedet habe. Wie werden sie jetzt nach Hause gehen? Habe ich die richtigen Worte gefunden? War das  tröstlich? Konnte ich auch glaubwürdig etwas christliche Botschaft weitersagen, die mir so wichtig ist? Sie haben sich sogar bedankt. Muss wohl irgendwie gelungen gewesen sein. Ich weiß genau, spätestens, wenn ich mich zuhause umgezogen habe, bin ich bei anderen Gedanken. Das normale Leben ist zurück.
Als Pastor bin ich im Durchschnitt alle ein bis zwei Wochen so unterwegs. Gottesdienstliche Trauerfeiern zu halten, ist ein wichtiger Teil meines Dienstes.
Viele von den Trauernden werden jetzt in den Gottesdienst zum Totensonntag kommen. Bei manchen wird es ein Wiedertreffen sein, weil wir zusammen bei der Trauerfeier und der Beisetzung gewesen sind. Zeit ist vergangen. Bei manchen schon ein ganzes Jahr. Werden wir offen dafür sein, dass Gott sagt: Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen?

Hendrik Rethemeier

Hendrik Rethemeier

Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Lahde

Gedanken zum Sonntag (07.11.2021)

„Jetzt ist endlich Frieden zwischen uns!“ Der Sohn am Krankenbett seiner alt gewordenen Mutter ist gerührt. Ihm kommen die Tränen. Tränen der Erleichterung und Dankbarkeit. Jahrelang hat er auf das gewartet, was gerade passiert ist. Seine Mutter hat ihn um Entschuldigung gebeten. Eine zentnerschwere Last ist von seinen Schultern genommen. Die jahrelangen Anschuldigungen,  die verletzenden Worte, die verzweifelten Gedanken sind  vorbei. Jetzt ist Frieden!

Als Krankenhausseelsorgerin habe ich  gestaunt. Ich weiß genau, wie schwer es für die Mutter war, diesen Schritt zu gehen. Wie weit wird der Friede zwischen den beiden reichen?

            „Reichweite Frieden“ – dieses Motto hat die Ökumenische FriedensDekade  für dieses Jahr gewählt. Vom 7.11. bis zum 17.11. 2021 gibt es in ganz Deutschland  dazu zahlreiche Veranstaltungen: Gottesdienste, Konzerte, Ausstellungen  und vieles mehr.  Ein aktuelles Thema angesichts von rechtspopulistischen Strömungen in unserer Gesellschaft, kriegerischen Konflikten in der Welt, angesichts von Antisemitismus und Rassismus.

            Krieg und Gewalt haben eine furchtbare Reichweite. Folter, traumatische Erfahrungen können Menschen bis an ihr Lebensende belasten. An den Folgen von Kriegen haben noch spätere Generationen zu tragen.

Frieden reicht weiter. Bis in Gottes Friedensreich hinein. Dort wird es kein Leid, kein Geschrei und keine Schmerzen mehr geben (Offenbarung 21,4).   

Etwas davon können wir schon jetzt aufblitzen sehen. Immer, wenn Frieden entsteht. Frieden beginnt im Kleinen. Mit einer Sehnsucht im Herzen. Mit einem Lächeln, das zwischen Menschen Brücken baut. Frieden entsteht, wo Vorurteile Andersdenkenden gegenüber ausgeräumt werden. Wo die Hand zur Versöhnung ausgestreckt wird, auch wenn es Überwindung kostet.  Wie bei Mutter und Sohn, die ich als Krankenhausseelsorgerin besucht habe. Ich hoffe, dass die beiden noch eine gute Zeit miteinander erleben. Dass die Mutter irgendwann in Frieden sterben kann. Und der Sohn in Frieden weiterlebt.

Pfarrerin Melanie Drucks

Pfarrerin Melanie Drucks

Evangelische Krankenhausseelsorgerin, Johannes Wesling Klinikum Minden

Böses mit Gutem vergelten

Leicht gesagt, schwer getan – der Wochenspruch dieses Sonntags hängt die Latte hoch mit seinem Rat: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“ (Römerbrief 12, 21). Dem guten Paulus fiel das auch nicht immer leicht – in manchen seiner Briefe kocht dem Apostel im Streit um die Wahrheit die Galle über, in üblen Beschimpfungen seiner Gegner.

Mir selber macht dieser Wochenspruch auch Probleme. Wenn mir als Radfahrer zum 3. Mal in der Woche ein Auto die Vorfahrt nimmt und ich mich als ohnmächtiges Opfer erfahre, fluppen durchaus unchristliche Bilder vor‘s geistige Auge. Da sitzt gedanklich der Hammer locker, ein flinker Kieselstein  in der Tasche käme mir da gut zu pass.

Wie ist es mit Menschen, die ganz anders das Opfer brutaler Gewalt werden, von Polizei und Militär, in Myan Mar, Weißrussland oder sonstwo auf der Welt? Soll man da mit Jesus „auch die andere Wange hinhalten“ (Matt. 5,39) und zuschauen, wie unschuldiges Leben von skrupellosen Staatsschergen zerstört wird, anstatt der menschenverachtenden Gewalt Einhalt zu gebieten?

So sehr es richtig ist, Gewalt notfalls durch Gegengewalt in die Schranken zu weisen – das Wort des Apostels Paulus ist kein frommer Spruch, sondern eine tiefe menschliche Wahrheit. Wirklich ändert  sich nur was, wenn ich den Teufelskreis durchbreche. Wenn ich es schaffe – wenn es mir geschenkt wird! -, mit Gutem zu reagieren. Lächeln statt Stinkefinger. Wenn wir beide, mein Gegenüber und ich, überrascht werden, dass es ganz anders geht. Schwierig, aber nicht unmöglich. In jedem Fall ein Segen, für alle.

Kreativität und Mut sind hier gefragt. Daraus kann Ungeahntes entstehen. Das schönste Beispiel hörte ich von einem älteren Herrn: Als er im Edeka mit dem Einkaufswagen eine Dame anfährt und die ihn erzürnt anzischt, wirft er ihr lächelnd eine Kusshand entgegen. Entwaffnung mit Folgen. Gestern feierten die beiden Diamantene Hochzeit.

 

Andreas Brügmann

Andreas Brügmann

Pfarrer der offenen Kirche St.Simeonis