Wort zum Sonntag
Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.
vom Loslassen und Aufgeben…..
Kennen sie das?
Mitten im Lockdown, aus Mangel an anderen Aufgaben fange ich an aufzuräumen. Ich nehme Dinge in die Hand und frage mich: Wird das noch gebraucht oder kann das weg? Ich tu mich schwer. Immerhin bin ich so erzogen worden und habe die Worte meiner Mutter im Ohr, dass man Dinge, die nicht kaputt sind, noch irgendwann gebrauchen könnte. Also wird der Haufen „Das könnte man ja nochmal brauchen“ immer größer. Es ist ein Kampf.
Aufräumen, entrümpeln ist so etwas wie die Suche nach innerer Ordnung und Klarheit, wo die Welt da draußen doch so unendlich verworren und kompliziert geworden ist. Aufräumen scheint ein Trend geworden zu sein, man kann sich neuerdings auch professionell coachen lassen. Es fällt wohl auch anderen schwer, sich von Dingen zu trennen, die gewohnt und liebgewonnen zu einem Teil des Lebens geworden sind.
In der Passionszeit, in der wir zum Fasten angeregt sind, um uns besser darauf zu besinnen, welche Bedeutung das Leiden und Sterben Jesu für unser Leben hat, können solche Alltagsfragen als Bild für große Lebensfragen dienen. Jesus hat im Johannesevangelium ein alltägliches Bild gebraucht, um den Menschen in seiner Umgebung sein bevorstehendes Leiden und seinen Tod am Kreuz zu erklären: „Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. Wem sein Leben über alles geht, der verliert es. Aber wer sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“. Ich merke, da redet Jesus nicht nur von sich selbst, sondern das hat etwas zu tun mit mir und meinem Leben, mit unser aller Leben. Das ist ein Bild, das ich verstehen kann, ganz besonders im Frühling. Ein Saatkorn, das ich im Tütchen lasse und vergesse, wird keine reiche Ernte bringen, sondern verliert seine Kraft. Es muss in die Erde, es muss sich verwandeln, als Pflanze wachsen und gedeihen und ich muss geduldig sein und es pflegen. Wenn mein Leben Früchte tragen soll, darf ich die Dinge, Verhaltensweisen und Gewohnheiten, von denen ich glaube, dass sie mein Leben absichern, nicht ängstlich hüten und festhalten, sondern muss sie überdenken, loslassen und – wenn nötig – aufgeben. Seit Ostern wissen wir Christen, dass der Tod nicht endgültige Macht über unser Leben hat, sondern, dass das Leben und die Liebe das letzte Wort haben.
Mir wird immer klarer: Je größer meine Bereitschaft loszulassen, eventuell Pläne und Projekten aufgeben, die nicht realisierbar sind und mich eben manchmal auch von Dingen und sogar von Menschen zu verabschieden, desto mehr wird mein Leben auf Hoffnung und Zukunft ausgerichtet sein. Meine Sehnsucht nach der alten Ordnung, nach der alten Freiheit in diesen Tagen wandelt sich in Hoffnung, dass auch altbekannte Strukturen in großen Systemen wie der Kirche, dem Staat und der Gesellschaft sterben müssen, damit neue zukunftsfähige Lebendigkeit einzieht.

Maike Brodowski-Stetter
Pfarrerin am Leo-Sympher-Berufskolleg
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Es gibt Sportarten – wie Boxen, Judo oder Ringen –, in denen der Athlet von Zeit zu Zeit „Gewicht machen“ muß. Um in der von ihm bevorzugten Gewichtskategorie starten zu können, paßt der Sportler seine Körpermasse an. Um sein Gewicht zu reduzieren und optimal für den Wettkampf aufgestellt zu sein, nimmt er zum Teil extreme Maßnahmen in Kauf. Dazu gehören Hungerdiäten, forciertes Schwitzen, Verzicht auf Flüssigkeit bis hin zu einem längeren Kopfstand kurz vor dem Wiegen, da die Fließgeschwindigkeit des Blutes eine Gewichtsreduktion vortäuscht. Auch individuelle Ernährungspläne für Spitzensportler sind nicht unüblich. Diese Pläne, Einschränkungen und herausfordernden Maßnahmen sollen dazu dienen, daß im Wettkampf die optimale Leistung erbracht wird.
Was uns die Fastenzeit abverlangt, ist dagegen nahezu eine Kleinigkeit: Während der Fastenzeit und an jedem Freitag des Jahres übt der Katholik einen konkreten Verzicht. Traditionell wird am Freitag kein Fleisch gegessen. Aber auch eine andere Einschränkung im Konsum von Genußmitteln ist möglich. Nur am Aschermittwoch und Karfreitag ist der Verzicht auf Fleischspeisen ausdrücklich vorgeschrieben.
Und was soll diese katholische Eigenart? Geht es etwa darum, „Gewicht zu machen“ für Gott? In gewisser Weise: Ja. Denn der Ruf der Fastenzeit nach Verzicht, aber auch nach Gebet und praktizierter Nächstenliebe, soll mich gut aufstellen für DEN „Wettkampf“ meines Lebens. Es handelt sich um einen Wettstreit mit mir selbst, in dem ich Jesus Christus immer ähnlicher werden soll. Im Grunde geht es darum, meinen eigenen Egoismus zu reduzieren, dadurch daß ich mich für Jesus Christus öffne. Jesus bittet mich, immer mehr zuzulassen, daß ER in mir handelt. Dann werde ich mit SEINER Hilfe den Wettkampf meines Lebens gewinnen, das Ziel meines Lebens erreichen: Das ewige Leben, das unendliche Glück bei Gott, das uns Ostern verheißt.
Es grüßt Sie,
Ihr Pastor Christian Bünnigmann

Christian Bünnigmann,
Pastor im Pastoralverbund Mindener Land
Punkte in der Sünderkartei
Der Wochenspruch dieser Woche steht im Römerbrief 5, Vers 8:
Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.
Fabian Vogt, Pfarrer und Schriftsteller- und seit vielen Jahren Radioverkünder beim hessischen Rundfunk, schrieb in seinem Buch „Lauter besondere Tage“, eine Kurzandacht über die Verkehrssünderkartei in Flensburg. Er wunderte sich, dass man auch heute noch von „Verkehrssündern“ spricht, wo doch „Sünde“ ursprünglich ein religiöser Begriff ist.
Wer ist denn ein Sünder? Eigentlich bezog sich dieser religiöse Begriff gar nicht auf irgendein bestimmtes Fehlverhalten, sagt Vogt. Sünde meint: Der Mensch ist von Gott getrennt. Und weil Gott, damit gar nicht einverstanden ist, will er die Sünder zur Umkehr bringen, zurück zu ihm. Womit macht er das? In dem Gott vergibt, schreibt Vogt. Worte, die mich angesprochen und berührt haben.
Auch ich kenne das Verkehrszentralregister in Flensburg, das 1956 ins Leben gerufen wurde. Alle Verkehrsteilnehmer, die gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen, werden dort registriert. Das weiß jeder! Für erhebliche Vergehen gibt es die sogenannten Punkte. Das sind dann die schwarzen Punkte auf der weißen Weste. Hat man davon zu viele, ist der Führerschein weg. Bleibt man im erlaubten Limit, passiert erst mal gar nichts und die Punkte löschen sich nach ein paar Jahren wieder. Manche müssen auch einen Fahrtüchtigkeitstest (MPU) machen, den „Idiotentest“, um den Führerschein wieder zu erlangen. Verkehrssünder in Deutschland können aber ihre Fehler wieder gut machen, indem sie sich auf eine vorausschauende, angepasste Fahrweise zurückbesinnen. Die gedankliche Brücke von Vogt, dass Gott selbst so was wie ein himmlisches Zentralregister führen könnte, indem er dann unsere Lebenspunkte registrieren würde, erschreckte mich zunächst. Da hatte ich gleich Bilder im Kopf! Ich dachte bei mir, dass Gott dann sehr viel Arbeit mit uns hätte. Wir fahren doch immer schneller, höher und weiter durch unser Leben.
Ich weiß aber, dass das nicht unser Untergang ist, denn Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Er bietet uns immer wieder an, die Punkte zu löschen. Durch seine Barmherzigkeit. Das nennt man Vergebung.
Gute Fahrt! Ihre Schwester Andrea
Impulsquelle : Fabian Vogt, Lauter besondere Tage, 2017 by Kawohl Verlag

Andrea Brewitt
Oberin , Diakonie Stiftung Salem