„Die Osterbotschaft ist in diesem Jahr besonders schwer auszurichten“, sagte Annette Kurschus, Präses der Ev. Kirche von Westfalen und Ratsvorsitzende der Ev. Kirche in Deutschland. Es war auf einer Konferenz, an der ich kürzlich mit meinen Kollegen/innen teilnahm. Kurschus verwies auf den bruta­len Angriffs­krieg Russlands gegen die Ukraine. Ja, in der Tat: Wie soll man in diesem Jahr Ostern feiern, während zeit­gleich unschuldige Men­schen in der Ukraine mas­senhaft ermordet werden. Auch uns hier in Deutsc­hland errei­chen mit den Flücht­lingen Angst und Schrecken vor Krieg und Notzeit. Wie soll da Oster­freude aufkommen? „Aber umso wichtiger ist es, dass Sie die Oster­bot­schaft in diesem Jahr ausrichten!“ sagte die Präses. Recht hat sie! Denn die Botschaft die­ses Festes wird jetzt drin­gend gebraucht. Einfach war sie ja nie – zu keiner Zeit! Von Anfang an wurde sie im Angesicht von Tod und Schrecken verkündigt, schon beim allerersten Osterfest: Frauen gingen damals in Jerusalem zu einem Grab. Ihr engster Freund war drei Tage zuvor von den brutalen Soldaten der rö­mi­schen Besatzungs­armee gefoltert und schwer misshandelt worden. Danach kreu­­zig­ten sie ihn zu Tode und stellten ihn öffentlich zur Schau. Nur notdürftig wurde sein Leichnam in einer Höhle beige­setzt. Jetzt möchten die Frauen ihm einen letzten Liebesdienst erweisen und den toten Körper mit Duftölen einrei­ben. So wollen sie mit einer menschlichen Geste Ab­schied von ihrem ermor­de­ten Freund nehmen. Voller Sorgen machen sie sich frühmorgens auf den Weg: Werden die Soldaten sie überhaupt zu der mit einem riesigen Stein abge­rie­gelten Grabhöhle durch­lassen? Die Trauer um den geliebten Freund lässt sie die Aus­sichtslosigkeit ihres Vor­ha­bens vergessen. Und so erleben sie das erste Os­ter­fest: Die Soldaten lie­gen auf der Erde als wären sie tot! Daneben der Stein: umgeworfen! Das Grab ist leer! Die Frauen sind verwirrt. Sie verstehen nicht: Was ist hier los?

Da erscheint ih­nen ein Engel, ein Bote aus Gottes Welt. Er ver­kündigt die Os­terbotschaft zum ersten Mal: Jesus Christus lebt! Gott hat ihn von den Toten auf­erweckt in seine neue Welt. Der Tod hat die letzte Macht verloren – und mit ihm auch alles, was euch noch Angst machen kann! Sagt das weiter, allen, die noch in Schrecken vor To­des­mächten sind! Am Ende steht nicht der Sieg von Unrecht und Gewalt. Am Ende stehen die Auferstehung und das neue Leben. Gott ist stärker als alle mili­tä­ri­sche Macht, stärker als der Tod. Und Gott bekennt sich mit Ostern zu den Op­fern: Der Ge­kreuzigte ist Gottes Sohn, nicht der Kai­ser in Rom, der sich selbst als göttlich verehren lässt, weil seine Truppen damals die halbe Welt un­ter­­drücken. Jesus Christus aber ist wirklich aufer­stan­den. Das ist die Hoffnungs­bot­schaft von Ostern – wir brauchen sie in die­sem Jahr dringender denn je. Sie ist heute nicht schwerer zu glauben als damals. Das zeigt auch das Fensterbild aus der Sakristei der Mindener Martinikirche: Die Frauen schauen den Engel an – eher erschrocken als erfreut, mehr skeptisch als gläubig. Zu groß war ihre Trau­er, zu gefangen waren sie in ihrer Angst. Mit dieser Botschaft konnten sie nicht rechnen: Gott hat den Tod besiegt für Jesus und für alle, die der Oster­botschaft Glau­ben schenken. Wie schwer das ist, erzählt das Evangelium (Markus 16,8): die Frauen liefen nach dieser ersten Osterpredigt des Engels mit „Zittern und Entsetzen“ davon. Das erste Osterfest war kein liebliches Früh­lings­erwachen. Deshalb können wir auch in diesem Jahr Ostern feiern, auch wenn uns gerade nicht nach Schokohasen und Zuckereiern der Sinn stehen mag. Ostern ist das Fest der Freude am Sieg des Lebens. Diese Lebensfreude sprießt nicht von allein mit dem Frühling; sie muss im Glau­ben errungen werden. Zu unserem Glück wag­ten die Frauen dann doch noch, diese Botschaft in ihr verstörtes Herz zu las­sen. Sie schenkten den Worten Glauben und vertrauten da­rauf: Gott ist stärker als der Tod. Der Auferstandene ist jetzt der Herr über Tod und Leben. Das glaub­­ten sie, und so spürten sie frische Hoffnung und bekamen neuen Le­bens­mut. Sie gaben die Botschaft weiter – zuerst an die Männer, die Jesus nach­folg­ten; dann an alle Men­schen, egal ob Freund oder Feind. Bis heute erleben Men­schen, die der Osterbotschaft ihr Vertrauen schenken, diese starke Kraft des Lebens, das zu Ostern gefeiert wird. Dann stehen sie auf gegen Todesmächte. Sie fin­den sich nicht ab mit Unrecht und Gewalt in der Welt. Ostern ist das Fest der Auferstehung und deshalb auch des Aufstands gegen den Tod. Wer An­griffs­kriege führt glaubt noch an den Tod als letzter Macht. Wer Ostern feiert widerspricht dem mit der Hoffnung auf den Sieg des Lebens. Gott ist nicht auf der Seite der Kriegstreiber, sondern der Op­fer. Auferstanden ist der Gekreuzigte. Kyrill, Patriarch der russisch-orthodo­xen Kirche, lästert Gott, indem er behaup­tet: Gott sei auf Putins Seite, weil er Krieg gegen die seiner Ansicht nach „deka­dente“ westliche Moral führe. Tatsächlich aber leidet Gott mit den Opfern dieses Krieges. Ihnen verspricht er Hoffnung. Denn am Ende siegen nicht Kriegstrei­ber – am Ende siegt das Leben, das der Gewalt widerspricht. Dies bedeutet Oster­n, heute wie am Anfang. Darum nehmen Chris­ten/in­nen auch hier in Minden Un­recht und Gewalt nicht einfach hin – schon gar nicht als gottgegeben. Im Gegen­teil: Die Arbeitsge­mein­schaft Christlicher Kir­chen Minden lädt seit Kriegs­aus­bruch jeden Samstag zum Frie­densgebet.

Dabei ent­stand am 26. Februar das zweite Foto auf dieser Seite – ebenfalls aus der Mar­­ti­ni­kirche. Beide Bilder gehören zum Osterfest 2022: die Os­ter­bot­schaft des Engels und die Ukraine-Hilfe mit Beten und Handeln für den Frieden. Der Ev. Kirchenkreis Minden or­ga­nisiert praktische Hilfen für Flücht­linge aus der Ukraine – hier in der Region und auch in Polen. Mit Sach- und Geldspenden, Wohnraum und ehrenamtlichem Engagement teilen Menschen dabei auch die öster­liche Hoff­nung: Das Leben wird siegen! Deshalb kommen viele (nicht nur in der Martinikirche) zusammen zum gemeinsamen Beten und tätigen Helfen. Dabei machen wir gerade die Er­fahrung, dass Friedensgebete und soli­da­risches Handeln nicht nur den ukrai­ni­schen Flüchtlingen, sondern auch uns selbst guttun und Mut machen auf das Leben zu hoffen. Und genau dann geschieht Ostern mitten im Krieg!

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes und trotz allem fröhliches Osterfest!

Michae Mertins

Michae Mertins

Superintendent im Ev. Kirchenkreis Minden.

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