Minden. Gegen zwei Erzieherinnen der Evangelischen Kindertageseinrichtung (KiTa) in Minden-Meißen sind von Eltern schwere Vorwürfe erhoben worden. Sie sollen Kinder, die beim Mittagessen in ihren Augen zu unruhig waren, mit Klebeband am Tisch fixiert haben. Während sich dieser Vorwurf auf Vorkommnisse in der Gegenwart bezieht, gehen weitere Vorwürfe auf Situationen in der Vergangenheit zurück, die bis zu zwei Jahre zurückliegen. Kinder, die in der Mittagszeit nicht schlafen und auch nicht liegen bleiben wollten, sollen mit Stühlen fixiert worden sein. Dabei ist unklar, ob Stühle über die liegenden Kinder oder um sie herum gestellt worden sein sollen. Auch soll es vorgekommen sein, dass Kinder sich eingenässt haben, weil sie sich nicht getraut haben, zur Toilette zu gehen.

Der Evangelische Kirchenkreis Minden als Träger der KiTa ist entsetzt und erschüttert von den Vorwürfen. So etwas dürfe in evangelischen Kindertageseinrichtungen definitiv nicht passieren und der Kirchenkreis werde alles tun, was in seiner Macht stehe, um aufzuklären, ob die Vorwürfe gerechtfertigt seien, erklärte Superintendent Michael Mertins.

Der Kirchenkreis ist am 25. Oktober zunächst von einer Mutter informiert worden. Später haben weitere Eltern bestätigt, dass auch ihre Kinder betroffen seien oder bestätigt hätten, entsprechende Beobachtungen gemacht zu haben. Am 2. November lagen dem Kirchenkreis drei schriftliche Aussagen über Fixierungen beim Mittagessen von Müttern vor. Inzwischen liegen dem Kirchenkreis insgesamt sechs solche Stellungnahmen vor.

Der Verwaltungsleiter des Kirchenkreises Minden, Ulrich Schlomann, Superintendent Michael Mertins und die Fachberaterin für Kindertageseinrichtungen, Ulrike Barg, sind den Vorwürfen umgehend nachgegangen. Schlomann und Barg trafen sich am 26. Oktober mit den Müttern, der Leiterin der KiTa und einer beschuldigten Erzieherin. Am 29. Oktober informierte Barg das Mindener Jugendamt. An den Tagen darauf ließ sie sich zunächst telefonisch auch vom Landesjugendamt beraten; am 3. November informierte sie das Landesjugendamt auch schriftlich.

Ebenfalls am 3. November führten Schlomann und Barg ein weiteres Gespräch in der KiTa, dieses Mal mit allen drei Mitarbeiterinnen der betroffenen Gruppe. Sie bestätigten zwar den „älteren Erziehungsstil“, nach dem beide Hände beim Mittagessen auf den Tisch gehören. Den Vorwurf, Kinderhände auf dem Tisch fixiert zu haben, wiesen sie jedoch vehement zurück. Auch in den schriftlichen Stellungnahmen, die der Kirchenkreis von den Erzieherinnen forderte,  stritten sie die Fixierungen ab.

Nach juristischer Beratung stellte der Kirchenkreis die beiden beschuldigten Erzieherinnen am 4. November von der Arbeit frei. Dabei betonten Schlomann und Mertins, dass es sich dabei nicht um eine Vorverurteilung handelte.

In den Gesprächen mit Mitarbeiterinnen der KiTa an den Tagen bis zur Freistellung ist auch der Vorwurf der Fixierung in der Mittagspausenzeit mit Stühlen besprochen worden. Seitens der KiTa wurde angegeben, dass dieses Thema in der Vergangenheit detailliert zwischen Eltern und Erzieherinnen besprochen und abschließend bearbeitet worden sei und dass es derartige Praktiken inzwischen definitiv nicht mehr gebe. Diese Angabe machte die KiTa auch zu dem Vorwurf, dass Kinder sich eingenässt hätten aufgrund des Verbots aufzustehen.

Am Morgen des 5. November informierten Mertins und Barg zunächst die Kolleginnen der beiden freigestellten Mitarbeiterinnen persönlich über den aktuellen Stand. Um alle Eltern aller vier KiTa-Gruppen zu informieren, lud der Kirchenkreis sie zu einem Elternabend am 10. November ein.

Nach der Freistellung der beiden Mitarbeiterinnen entschloss sich der Kirchenkreis als Träger der KiTa, von sich aus das Mindener Tageblatt zu informieren, um transparent und offen mit der Situation umzugehen. Die Redaktion entschied, schon vor dem Elternabend ein Pressegespräch zu führen, um eine Berichterstattung am Tag nach dem Elternabend sicher zu stellen (am 11. November). Ein weiterer Bericht mit dem Fokus auf dem Verlauf des Elternabends wurde für den 12. November geplant.

Im Pressegespräch am 10. November mittags informierten Mertins, Schlomann, Barg und die Pressesprecherin des Kirchenkreises, Carola Mackenbrock, über den aktuellen Stand. Dabei sprachen sie deshalb nicht das Fixieren mit Stühlen in den Mittagspausen an, weil sie nach den Gesprächen mit den Erzieherinnen davon ausgingen, dass dieses Thema in der Vergangenheit hinlänglich be- und verarbeitet worden wäre. Hinzu kommt, dass es für den Kirchenkreis auch deshalb schwierig ist, über weit zurück liegende Vorkommnisse zu urteilen, weil er erst seit 1. August 2020 Träger der Einrichtung ist; zuvor wurde die KiTa in Trägerschaft der Kirchengemeinde Lerbeck geführt.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es besser gewesen wäre, auch die Vorwürfe aus der Vergangenheit zu benennen. Denn erstens wurde im Rahmen des Elternabends am 10. November abends auch das wieder Thema. Zweitens verstanden einige Eltern den Bericht im Mindener Tageblatt am 11. November so, als ob der Kirchenkreis diesen älteren Vorwurf absichtlich verschwiegen hätte. Eine Mutter sprach daher die Redaktion darauf an, so dass eine weitere Recherche und ein weiterer Beitrag im Mindener Tageblatt am 13. November nötig wurde.

Die Hoffnung des Kirchenkreises, durch den Elternabend offen mit den Eltern ins Gespräch zu kommen und gemeinsam Wege der Aufklärung zu finden, erfüllte sich nicht. Gegen Ende des Elternabends erklärte eine Mutter, dass sie inzwischen Strafanzeige gestellt hätte. Jeder weitere Versuch des Träger aufzuklären, ob die erhobenen Vorwürfe gerechtfertigt sind, wäre nun als Eingriff in die laufenden Ermittlungen zu werten.

 

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