„Tut das weh?“, fragt das kleine Mädchen seine Mutter und zeigt auf das Kreuz in der Kirche. Die Mutter erschrickt. Mit ganzer Wucht wird ihr bewusst, was ihre Tochter entdeckt hat: nicht den barmherzigen Gott, zu dem sie Abend für Abend beten, sondern den ohnmächtigen Gott, den leidenden Christus. Dort hängt er am Kreuz über dem Altar, Nägel in Händen und Füßen, eine Dornenkrone auf dem blutigen Kopf.
Das Kreuz ist kein harmloses Zeichen. Es steht in den Tagen vor Ostern im Mittelpunkt des Geschehens und mit ihm die Geschichte von Jesu Leiden und Sterben.
„Tut das weh?“ Ja, es tut schrecklich weh, nicht nur für den, der am Kreuz hängt, sondern auch für die, die hinschauen. Bei denen immer wieder Fragen hochkommen:
Gab es keinen anderen Weg? Braucht der liebende Gott Opfer?
Man versteht es nicht. Man versteht Gott nicht. Den Weg, den er geht. Die Dinge, die er zulässt und nicht verhindert. Das Nicht-Eingreifen in meinem eigenen Leben, als ich ihn so dringend gebraucht habe.
Die Spuren desjenigen zu erkennen, den wir den liebenden nennen, den, der niemanden fallen lässt, ist nicht immer einfach.
Manchmal muss man genau hinschauen, nachschauen, noch mal alles durchschauen, um dahinter Gottes Antlitz zu entdecken. Ein Antlitz, das uns mit Liebe ansieht, immer und überall.

So erging es mir auch mit dem Gesicht, bzw. der Maske auf dem Bild.
Schauen Sie ca. 30 Sek. auf die vier kleinen Punkte in der Mitte des Bildes. Dann schauen Sie auf eine Wand (möglichst ohne Muster). Langsam bildet sich ein heller Kreis. Wenn man nun mit den Augen blinzelt, sieht man, wie ein Gesicht entsteht. Erkennen Sie es?

So ist das wohl mit so manchen Dingen, die wir erleben: Wir starren auf das Vordergründige, auf die Maske. Aber erst, wenn wir unseren Blick weiten, versuchen, dahinter zu schauen, entdecken wir ein Gesicht. Es ist das Gesicht unseres Gottes, der uns mit Liebe anblickt.
Wenn wir ihn sehen, durch alles hindurch, wird es Ostern in uns.
Lasst uns dafür unsere Augen offenhalten.

 

Esther Witte

Esther Witte

Pfarrerin der Ev.-Luth. Kirchengemeinden in Schlüsselburg, Heimsen, Windheim/Neuenknick

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