Es ist Juli, und es ist immer noch Krieg in Europa. Das hätte man sich vor zwei Jahren kaum träumen lassen. Die „Glasnost“- und „Perestroika“-Politik von Gorbatschow ermöglichte damals, vor über 30 Jahren das Ende des Kalten Krieges und die Wiedervereinigung Deutschlands. Für viele Menschen – nicht für alle, ich weiß – war das ein Segen, auch für mich persönlich. Ich habe kurz nach der Wende für fast zwanzig Jahre in den „neuen Bundesländern“ gelebt und gearbeitet. Hätte nie meine liebe Frau kennengelernt, zwei unserer wunderbaren Kinder wären nicht geboren, und die dritte, unsere Älteste, wäre nicht die geworden, die sie jetzt ist. Und jetzt kam ein Wladimir Putin daher, dem nicht erst die NATO-Osterweiterung, sondern schon damals als KGB-Agent die Maßnahmen Gorbatschows ein „Stachel im Fleisch“ waren, und er versucht mit unsäglicher Gewalt, wieder an die alten Verhältnisse anzuknüpfen. Das vermag ein alter Schul- und Fußballfreund von mir, der selbst mit einer Russin seit Jahrzehnten verheiratet ist und heute als Professor für Slawistik und osteuropäische Geschichte an der Universität Tübingen arbeitet, überzeugend darzulegen. Wir beide hatten damals übrigens überzeugt den „Dienst an der Waffe“ nicht angetreten.

Ja, „Not lehrt beten!“, aber doch meist in die Richtung, dass man fragt „Wo ist ER?“ oder mit dem Psalmbeter seufzend klagt: „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ (Psalm 42,3)

Eli Wiesel, ehemaliger jüdischer KZ-Häftling schreibt in seinem Buch „Die Nacht“: „Drei Lager-Insassen kommen an den Galgen, darunter noch ein Kind. Alle anderen Inhaftierten werden gezwungen zuzuschauen. „Wo ist Gott, wo ist er?“, fragte jemand hinter mir… Mehr als eine halbe Stunde kämpfte der Junge am Galgen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Hinter mir hörte ich es wieder fragen: „Wo ist Gott?“ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: „Wo er ist? Dort hängt er, am Galgen…“

Der mitleidende Gott ist der Gott, der uns hilft. Das heißt auch für uns bei aller Ohnmacht mitfühlen mit den Leidenden, helfen, wo immer und wie immer es geht. Dazu gehört dann auch, Menschen mit russischem Hintergrund bei uns unvoreingenommen zu begegnen. Eine Frau mit russland-deutschen Wurzeln sagte mir erst vor ein paar Wochen mit Tränen in den Augen: „Aber wir sind doch gar nicht alle so…“

Volker Niggemann

Volker Niggemann

Pfarrer in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde St. Marien, Pfarrbezirk St. Matthäus

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