Wort zum Sonntag

Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.

Sorgenfresser

Wumm! Ein sympathisches Plüschmonster landet in meinen Armen. Das kleine Mädchen, das ich in der Kinderklinik besuche, hat Spaß. Ich werfe zurück. Immer wieder. „Wozu hat es denn die großen Zähne?“ frage ich. „Es kann Sorgen fressen.“ erläutert das Mädchen. „Dann sind die Sorgen weg und du fühlst dich besser?“ Das Mädchen nickt.

Sorgen belasten und bereiten schlaflose Nächte. Kindern und Erwachsenen. Das Mädchen hat neulich seine Eltern gefragt, ob es wirklich wieder ganz gesund wird.

Sorgen um die Gesundheit liegen auch bei uns Erwachsenen oft oben auf. Genauso sind da Sorgen um die Partnerschaft, den Arbeitsplatz  oder die Rente. Seit den Vorfällen von Chemnitz sind die Sorgen, wie dem Rechtsradikalismus in unserer Gesellschaft begegnet werden kann, nicht weniger geworden.

Wie können wir unsere Sorgen loswerden? Auf sie zu pfeifen, hilft meist nur vorübergehend. Über sie zu jammern, lässt sie oft noch größer werden. Eine gute Idee dagegen ist, sie von uns wegzuwerfen. Kraftvoll und mit Schwung! Doch wohin? „Alle eure Sorgen werft auf Gott, denn er sorgt für euch.“ heißt es in der Bibel (1. Petrus 5, 7). Wie das geht? Indem wir unsere Sorgen vor Gott aussprechen oder herausschreien. Indem wir sie seufzend vor Gott bringen oder zornig unserer Seele Luft machen. Im Gebet. Allein oder mit anderen.

Gott fängt unsere Sorgen auf, wirft sie aber nicht zurück. Gott trägt sie und sorgt für uns. Durch einen Menschen, der ein offenes Ohr für uns hat. Durch jemanden, der uns tatkräftig unterstützt. Oder durch eine gute Idee, die uns kommt.

In der Kapelle des Johannes Wesling Klinikums liegt ein Buch, in das Patienten, Patientinnen und Angehörige ihre Gebete schreiben. Dort ist zu lesen, wie hilfreich es sein kann, die eigenen Sorgen auf Gott zu werfen und wie Gott für uns sorgt.

Wumm! Das sympathische Plüschmonster landet wieder bei mir. Ich lege es beiseite und erzähle dem Mädchen, dass Gott unsere Sorgen auffängt

Zärtlich nimmt die Mutter das Kind in den Arm, schaut sich das aufgeschlagene Knie an, tröstet und wischt die Tränen ab, die die Wange des Kindes hinunterlaufen. Nun kann alles wieder gut werden, zumindest ein Stück weit. Auch wenn wir erwachsen sind, gibt es diese Momente, in denen es so wohltuend ist, wenn wir getröstet werden. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen …“. Was für ein starkes Bild finde ich im letzten Buch der Bibel, gerade richtig für graue, trübe Novembertage. Die Worte berühren mich. Gott sieht jede Träne, die ein Mensch weint: Tränen der Trauer und des Schmerzes, Tränen der Verzweiflung und des Leids. Bei ihm sind sie gut aufgehoben. Ganz gewiss schaut er nicht aus irgendeiner Ferne auf unsere Sorgen und Nöte, vielmehr kommt er zu jedem und jeder von uns persönlich, rührt uns an. Wir dürfen unsere Tränen weinen, unseren Schmerz zeigen. Gott bietet sich als Adressat unserer Tränen an. Aber er ermutigt uns auch, die Trauer und die Tränen unserer Mitmenschen zu begleiten, Tränen bei ihnen abzuwischen. Gott tröstet. Oftmals erleben wir das durch liebevolle Worte, kleine Gesten und Zeichen, die ein anderer Mensch uns schenkt. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein …“ – Eine zärtliche Berührung Gottes, die etwas von dem erahnen lässt, das einmal sein wird. Es wird eine Zeit kommen, in der alle Tränen getrocknet sein werden. In Gottes Ewigkeit wird es keine Tränen und auch keinen Tod mehr geben. Dafür steht Jesus Christus, ein Lichtblick in den Schattenseiten unseres Lebens. Er hat dem Gott, der am Ende die Tränen abwischen wird, vertraut. Das dürfen wir auch. Alles kann gut werden.

Melanie Drucks

Melanie Drucks

Ev. Krankenhausseelsorgerin im Johannes Weßling Klinikum Minden

Neues unter der Sonne

Zwar geht die Urlaubszeit zu Ende, aber vielleicht wirkt sie in dem ein oder anderen noch nach. Immerhin waren viele wieder unterwegs an anderen Orten und haben dort womöglich Neues ausprobiert. Eine Sportart, einen anderen Lebensrhythmus, eine bestimmte Form der Entspannung oder sonst etwas. Und am Ende bleibt die Erinnerung. Der Alltag und die Gewohnheit lässt das Neue schnell verblassen.

Doch ganz ohne Spuren geht das Erlebte nicht vorbei. Vielleicht kommt bei dem einen oder der anderen der Gedanke hoch, dass beim Ausprobieren des Neuen, Eigenschaften und Energien freigesetzt wurden, die bisher unentdeckt oder gar vergessen waren. Und manchmal, in Einzelfällen mag es sein, geht das Erlebte so tief, dass jemand darangeht, das eigene Leben nachhaltig zu verändern. Sicher sind das die Ausnahmen, aber bringen einen solche Ausnahmen nicht auch mitunter dazu an eigene Wünsche zu denken, die sich nach Veränderung sehnen. Und es gibt bei genauem Hinsehen doch eine Vielzahl von Menschen, die tatsächlich mit einem Mal ihr Leben vollständig verändern, etwas Neues beginnen: den Beruf wechseln, das Land verlassen, oder die Karriere zugunsten von Engagement für die Mitmenschen, die Umwelt oder die Kultur hintanstellen.

Für die Meisten bleiben solche Menschen Ausnahmen, bewundernswert aber nicht zur Nachahmung geeignet. – Wie hören die Menschen dann aber die Worte aus der Offenbarung: Siehe, ich mache alles neu.“ (Apk 21,5)? Sind diese Worte eine Bedrohung des bisherigen, vermeintlich sichern Lebensstils oder ermutigen sie Strukturen zu verlassen, die die eigenen Talente, die eigenen Wünsche und somit einen großen Teil des eigenen Lebens einengen oder gar verkümmern lassen.

Ich verstehe die Worte als Ermutigung, sich mit den Möglichkeiten, die Neues eröffnen, tiefer auseinanderzusetzen und Veränderungen zu wagen, herauszutreten aus Gleichförmigkeit und Langeweile, aus Routine und Alltagsperfektion. Denn in jeder und jedem von uns steckt so viel mehr, als das, was wir tatsächlich leben. Und insofern weitet das Wort der Offenbarung den Blick auf ein Leben in Fülle, ein gutes, ein reiches Leben. Ich bin gespannt, was Ihnen und was mir gelingt?!

Christoph Kretschmer

Christoph Kretschmer

Pfarrer im Freiherr vom Stein Berufskolleg

Glockenläuten

Die Kirchenglocken läuten oft – zu bestimmten Tageszeiten, zu jedem Gottesdienst, zu allen Andach-ten, zu Trauungen, Taufen, Beerdigungen. In den Dörfern rund um Minden oft auch, wenn ein Gemeindeglied verstorben ist.
Glocken künden von etwas Besonderem – von Krieg, von Bränden, Unwetter und Gefahr und auch vom Frieden, vom Jahreswechsel.
Glocken hängen oben im Kirchturm, damit sich ihr Klang über weite Strecken ausbreitet. Schön, der Kirchturm als optisches Signal, schon von weitem zu sehen, und die Kirchenglocken, ein akustisches Signal, weithin zu hören.
Ich wohne mitten in der Innenstadt und ich stimme zu: Ja, die Glocken läuten oft und sind weithin zu hören, St. Marien, St. Martini, der Dom.
Manchen Menschen läuten die Kirchenglocken zu oft. Sie fühlen sich gestört, wenn sie morgens schlafen möchten oder wenn sie sich draußen unterhalten wollen. Sie empfinden das Glockengeläut als Lärmbelästigung.

Viele Presbyterien kennen die Briefe, in denen sich Menschen mal höflich, mal weniger höflich über das Glockengeläut beschweren und mit einer Klage drohen.
Dadurch zu vermeintlichem Recht zu kommen, ist gering. Zum einen ist in Wohngebieten bis zu be-stimmten Lärmrichtwert Glockengeläut erlaubt, zum anderen urteilte das Bundesverwaltungsgericht Glockengeläut sei eine „zumutbare, sozialadäquate und allgemein akzeptierte Äußerung kirchlichen Lebens“.
Was aber nun mit den Menschen, die den sogenannten Äußerungen des kirchlichen Lebens kritisch gegenüber stehen?

Lädt das Läuten der Glocken zu einem Gottesdienst ein, kann man vielleicht registrieren: da kommen gleich Menschen zusammen und feiern Gottesdienst, singen, beten – auch für mich, auch meine Hoff-nung, meine Nöte, mein Anliegen kommen in ihren Gebeten vor.
Unterbricht das Läuten der Glocken die Tageszeiten, morgens, mittags, abends, kann man vielleicht auch innehalten, kurz still werden, durchatmen und sich fragen: Wo stehe ich gerade? Was ist gerade wirklich wichtig? Wofür bin gerade dankbar?
Achtsamkeit nennt man das zeitgemäß, auf dem Moment achten, im Hier und Jetzt sein und so für einen kurzen Augenblick der Alltagshektik und dem Gedankenchaos entkommen.

Glockenläuten als Achtsamkeits-App – seit mehr als tausend Jahren haben das Menschen auch ohne Smartphone so gehandhabt.
Ich kann mir vorstellen, dass es Menschen, die mit sich selbst achtsam umgehen, leichter fällt, anderen achtsamer und damit geduldiger zu begegnen, zum Beispiel denen, denen das Glockengeläut, der Ruf zum Gebet, etwas bedeutet.
„Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal und haltet an am Gebet!“ (Römer 12,12)
Mir ist es wichtig, die Verbindung zu Gott in meinem Alltag nicht abreißen zu lassen. Das Geläut der Glocken erinnert mich immer wieder daran – ohne Verbindung zu Gott ist meine Hoffnung ohne Grund und meine Geduld schnell aufgebraucht.
Geduld und Humor haben vor kurzem die Menschen in der S-Bahn gezeigt, als bei einem jungen Mann die Glocken läuteten – als Handyton.

Karin Daniel

Karin Daniel

Pfarrerin im Entsendungsdienst im Ev. Kirchenkreis Minden