Wort zum Sonntag

Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.

Dem Himmel so nah

Manchen Urlaubsgegenden sagt man nach, dort sei man dem Himmel ganz nah. Erstaunlicherweise höre ich das weniger oft über die Berge, sondern dann, wenn jemand von seinem Urlaub am Meer schwärmt: „Dort fühle ich mich dem Himmel nah.“ Vielleicht liegt es am endlos scheinenden Horizont, der an der Küste zu sehen ist.
In einem kleinen Café in den Niederlanden „De Zeeuwse Hemel“ (zu Deutsch: Der seeländische Himmel) steht – passenderweise auf der Rückseite von Treppenstufen – „Stell dich auf Zehenspitzen und klopf am Himmel an!“ Das soll wohl heißen: Diese Treppe führt zwar nur ins nächste Stockwerk, doch wäre es nicht schön, bis an den Himmel zu reichen? Nur wie?
Wenn wir auf unseren Zehenspitzen an den Himmel klopfen möchten, aber feststellen, dass wieder mal die Arme zu kurz sind, dann kann uns der Gedanke trösten, dass Gott uns schon längst entgegengekommen ist. Ja, er ist in Jesus Christus selbst hier auf dieser Welt gewesen. Er kennt unsere Sehnsucht nach dem Himmel, nach Frieden und Gerechtigkeit.
Vielleicht nutzen Sie die Ferien, um eine Kirche aufzusuchen, eine Pause zu machen, etwas im Schatten zu sitzen und zu Atem zu kommen.
Wenn ich solche Pausen mache, dann hilft mir ein Lied von Gerhard Tersteegen. Im Jahr 1729 hat er, umgeben von wenig Schönheit, sein bekanntes Lied: „Gott ist gegenwärtig“ getextet:

Du durchdringest alles; lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten,
lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.

Diese sechste Strophe ist mein Sommerwunsch an Sie: In einer stillen Stunde sich der Sonne Gottes auszusetzen und seine Wirklichkeit wahrzunehmen. Vielleicht gelingt das an einem Urlaubstag, in einem Gottesdienst, Konzert oder bei einem inspirierenden Gespräch.

Olaf Mohring

Olaf Mohring

Pastor der Kirche am Glacis, Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Minden

Allen zu allem werden

Nun gut, fange ich an mit einer Provokation: Nicht alle AFD-Wähler sind Nazis und nicht alle Grünen- oder SPD-Wähler sind Gutmenschen.
Die Europawahl ist gerade drei Wochen vorüber und jetzt sind wir mittendrin in einer Fußball-EM im eigenen Land. Wieder wie beim „Sommermärchen“: „Die Welt zu Gast bei Freunden!“..? Wie kriegen wir das wieder hin?
Der Apostel Paulus schreibt: „Allen bin ich alles geworden!“ (1. Kor.9, 23)
Ich verstehe das so: Nicht Anpassung, nein: eher Verstehen-Lernen. Zuhören, der Oma, die sich Sorgen macht, ob sie ohne in den Ruin zu rutschen, im Winter ihr Haus noch warm kriegen wird.., den Männern aus dem Rudolf-Winzer-Haus, von denen manche selbst eingesessen haben, und die sagen, im Bau wäre es wie Urlaub gewesen.., mit Vollpension.., dem geflohenen Kurden, der Angst hat wieder in Folterhaft nach Rumänien „rückgeführt“ zu werden.., den Nachbarn, die fragen, was in dieser Welt verkehrt ist, wenn Fußballer oder Markus Lanz Millionen verdienen.
„Allen bin ich alles geworden!“ Verstehen-Lernen, Nah-dran-Sein an den „einfachen“ Leuten. Mitbekommen, was sie bewegt und besorgt…
Wenn ich in meiner Politiker- oder Promi-Blase, Clan- oder Gangsta-Blase bleibe, schotte ich mich ab und bleibe hängen in Überheblichkeit, und gefährlichem Un- und Halbwissen. Wenn ich nicht nah bei den Menschen bin, und sie nicht mehr höre und verstehe, ist nicht nur Deutschland in großer Gefahr. Man sieht den Mechanismus schon weltweit… Bleibt beieinander, seid nah, sucht Nähe, um zu verstehen.., 
Allen zu allem werden… Das ist eine Chance..! Für alle, die hier leben.

Volker Niggemann

Volker Niggemann

Pfarrer, Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Marien, Bezirk Matthäus, Rechtes Weserufer

Ausbruch

Die Hitze des Sommerabends hängt schwer in der Luft. Er sitzt auf der Couch, das Gesicht versteinert. Es begann wie so oft, mit einer Kleinigkeit, die sich zu einer Lawine des Grolls aufbaute. Alte Verletzungen wurden wieder hervorgeholt, Worte wie scharfe Messer, die tiefe Wunden schlagen.
Unerträgliche Spannung. Mein Körper zittert vor unterdrückter Wut und Frustration. Aber ich bin bereit weiterzukämpfen, mich zu verteidigen. Diesmal lasse ich nicht gut sein. Diesmal nicht. Ich habe alles in der Hand, um ihn zu vernichten – dieses Mal wirklich.
Plötzlich verändert sich sein Blick. Er steht auf, geht einen Schritt auf mich zu. Instinktiv weiche ich nach hinten aus – und dann sinkt er auf die Knie und verneigt sich. Er legt sich flach hin, die Arme ausgebreitet, das Gesicht zur Seite gedreht.
„Warum hörst du auf das Gerede der Leute? Ich kann das nicht mehr“, sagt er leise, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Ich weiß nicht mehr weiter. Soll Gott Richter sein zwischen dir und mir. Ich werde mich nicht an dir vergreifen. Ich will Frieden.“
Stille. Irritiert und verunsichert schaue ich auf ihn herab.
Doch dann, ganz langsam, beginnt etwas in mir. Die Wut, die Bitterkeit, der ganze aufgestaute Groll beginnt zu schmelzen. Tränen steigen in meine Augen und ich lasse mich neben ihm auf den Boden sinken.
Wir liegen da, Seite an Seite. Die Stille nur durch unsere leisen Schluchzer unterbrochen. Ein Wendepunkt. Der Moment, in dem wir die Gewaltspirale durchbrechen.
Seine Demut trifft mich tief, öffnete mein Herz und gibt mir irgendwie die Kraft, ebenfalls loszulassen.
Der Sommerabend bleibt heiß und stickig, doch in unseren Herzen beginnt ein neues Kapitel, geprägt von dem Wunsch, gemeinsam eine bessere Zukunft zu schaffen. Die Härte, die uns so lange voneinander getrennt hatte, beginnt zu bröckeln.
„Wo ist jemand, der seinen Feind findet und lässt ihn im Guten seinen Weg gehen? Der Herr vergelte dir Gutes für das, was du heute an mir getan hast!“ – 1. Samuel 24,1-20

Alexander Möller

Alexander Möller

Pfarrer, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Lahde