Wort zum Sonntag
Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.
„Vergiss das Danke nicht“ – Impuls zum Sonntagsevangelium (Lk 17,11–19)
Kennen Sie das auch? Wir wünschen uns sehnlichst, dass etwas gelingt: die OP der Mutter, das x-te Vorstellungsgespräch, der ersehnte Anruf. Und wenn es gut ausgeht, fällt der Druck ab, der Kalender füllt sich – und wir rennen weiter. Das Danke bleibt irgendwo zwischen Supermarkt und nächstem Termin liegen.
Vom Umkehren erzählt das heutige Evangelium: Zehn schwer Erkrankte werden heil. Nur einer hält inne, dreht um – und dankt. Nicht „der Medizin“, nicht „dem Glück“, sondern Gott. Er fällt vor Jesus nieder und lobt Gott mit lauter Stimme. Jesu Frage brennt: „Wo sind die neun?“
Warum diese Schärfe? Weil Dankbarkeit hier mehr ist als gute Manieren. Sie ist Gottesbeziehung. Wer dankt, erkennt an: ich verdanke mein Leben nicht nur meinem Können, sondern einem größeren Du. Dank heißt: Ich bin gehalten. Ich werde gesehen. Ich muss die Welt nicht allein stemmen. Aus Anspruch wird Anbetung, aus Selbstverständlichkeit wird Staunen.
Natürlich gehört die zwischenmenschliche Dankbarkeit dazu – sie macht uns feinfühlig und fair. Aber das Evangelium geht einen Schritt weiter: Es ruft uns, den Blick zu heben. Nicht nur „Danke, dass es gut gegangen ist“, sondern „Danke, Gott, dass Du mich getragen hast“. Dieses Danke ist nicht naiv, ignoriert Schmerzen und Brüche nicht. Es ist die Entscheidung, Gott mitten im Unvollkommenen zu ehren.
Vielleicht ist dieser Sonntag eine Einladung, es dem einen Geheilten gleichzutun: Umdrehen, für einen kurzen Augenblick. Anhalten. Atmen. Und sagen: „Gott, danke für das Gelungene. Danke für die Kraft, die ich nicht aus mir hatte. Danke für die Menschen an meiner Seite. Danke, dass Du nicht fern bist.“ Eine solche Dankbarkeit macht weit. Sie erdet und richtet auf. Wer so dankt, wird nicht kleiner, sondern freier. Vielleicht probieren wir’s diese Woche aus: ein kleines Umkehren – und ein bewusstes „Danke, Gott“. Es verändert mehr, als man denkt.

Michaela Langner
Gemeindereferentin des Pastoralverbundes Mindener Land
Staunen wie ein Kind
Liebe Leserinnen und Leser,
neulich war ich an der Weser unterwegs. Vor mir lief ein kleines Mädchen mit roten Gummistiefeln. Sie blieb immer wieder stehen, um Blätter aufzuheben – rote, gelbe, braune. Dann pustete sie sie in die Luft, lachte und rief: „Guck mal, die tanzen!“ – und tatsächlich: die Blätter wirbelten herum, als hätten sie nur darauf gewartet.
In diesem Moment habe ich mich gefragt: Kann ich mich noch so freuen und so staunen wie ein Kind? Über ein Blatt, eine Pfütze, eine Birne in der Hand?
Erntedank lädt uns dazu ein, genau das wiederzuentdecken: Staunen über das Kleine. Freude an den einfachen, aber wichtigen Dingen, die nicht selbstverständlich sind.
Der Schriftsteller Theodor Fontane hat einst ein schönes Bild dafür gefunden. Vermutlich erinnern Sie sich an den Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, der den Kindern, wenn sie vorbeikamen, seine Birnen schenkte.
„Und kam die goldene Herbsteszeit,
und die Birnen leuchteten weit und breit,
da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
der von Ribbeck sich beide Taschen voll.“
Der Apostel Paulus schreibt: „Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind.“ 1 Kor 13,11a
Wir wissen: Erwachsenwerden heißt Verantwortung tragen, Entscheidungen treffen, auch Sorgen und Lasten zu kennen. Aber die Bibel erinnert uns daran, dass in unserem Kindsein etwas Wertvolles liegt – das Staunen, die Leichtigkeit, die Freude an den kleinen Dingen. Vielleicht ist das Geheimnis kindlicher Freude: nicht das Haben, sondern das Staunen über sie.
Wenn im Gedicht der Birnbaum auf Ribbecks Grab im Herbst wieder lacht und die Kinder fröhlich macht, dann erinnert mich das an das „kindliche Ich“, das nicht verloren, sondern tief in uns verwurzelt ist. Öffnen wir uns für das Staunen, für die Dankbarkeit, für die Freude, die Gott in unser Leben legt, in die kleinen Dingen, die wir so oft übersehen.
Das kleine Mädchen mit den roten Gummistiefeln war ganz in dem Moment versunken. Irgendwann sprang sie mit beiden Füßen mitten in eine große Pfütze, dass das Wasser nur so platschte. Sie lachte, als hätte sie das größte Geschenk bekommen. Und ich dachte still bei mir: Vielleicht ist genau das die Einladung von Erntedank – mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt zu gehen, die kleinen Wunder zu feiern und dankbar zu teilen, was wir haben. Amen.

Naela von Storch
Pfarrerin, Evangelische Kirchengemeinde Barkhausen
Interesse statt Mitleid
Als Pfarrer für gehörlose Menschen erlebe ich immer wieder: weil ich hören kann, fällt mir manches leichter. Mal eben irgendwo angerufen, und schon ist ein Problem gelöst oder eine Frage beantwortet. Wer nicht telefonieren kann, muss andere Wege suchen.
Gehörlose Menschen leben in einer hörenden Welt, die eben nicht die Gebärdensprache spricht, darum erleben sie Barrieren. Dabei geht es nicht nur um das Telefonieren, es geht um die Kommunikation im Alltag insgesamt: auf der Arbeit, auf dem Amt, in der Schule der Kinder, beim Anwalt oder Arzt usw.
Wer sich nun mitleidsvoll vorstellt, wie schwer es gehörlose Menschen haben, ist auf dem Holzweg. Denn wer Mitleid hat, begegnet dem Gegenüber nicht auf Augenhöhe. Wer auf die Gebärdensprache angewiesen ist, wird nicht dadurch behindert, dass er oder sie nicht hören kann. Vielmehr sind es fehlende Gebärdensprachdolmetscher*innen oder die mangelnde Kenntnis der hörenden Mehrheit über die Sprache, Kultur und das Leben gehörloser Menschen. Offenheit für die Situation anderer, der Versuch mit Händen und Füßen oder schriftlich zu kommunizieren oder ganz einfach das vorurteilsfreie Interesse für eine andere Sprache und Kultur, das sind angemessene Reaktionen auf die Situation gehörloser Menschen, aber nicht Mitleid. Denn trotz unterschiedlicher Erfahrungen und einer ganz anderen Sprache, verbindet hörende und gehörlose Menschen mehr als sie auf den ersten Blick trennt.
Als Christen sehen wir in jedem Menschen zuerst ein Geschöpf Gottes, dem die gute Botschaft zugesagt wird. Damit heben wir die zuerst so naheliegenden Unterschiede auf. Das ist gemeint, wenn wir im Galaterbrief im 3. Kapitel lesen: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Weil wir in Christus zusammengehören, können sich hörende und gehörlose Menschen mit Interesse und Offenheit begegnen und Barrieren abbauen.
Am 28.09.25 ist Tag der Gehörlosen, der uns genau dazu einlädt. Weitere Informationen: www.gebaerdenkreuz.de

Pfarrer Christian Schröder
Gehörlosenseelsorge in der Ev. Kirche von Westfalen