Wort zum Sonntag

Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.

Höher – schneller – weiter

„Endlich Frühling!“, so wird so mancher denken. Auch wenn das gelegentlich wechselvolle Wetter noch nicht durchgängig zur sonnigen Stimmung führt, so gilt der Mai doch zur Recht als der Monat des Erblühens der Pflanzen, des Erwachens der Natur. Morgens schon vom Zwitschern der Vögel geweckt zu werden, ist für mich immer ein Zeichen der Lebensfreude im Frühjahr. Und schon morgens hinauf in einen blauen Himmel zu sehen, macht mir Lust auf einen erfüllten Tag.
Wenn es irgendwie die Zeit zulässt, dann zieht es mich in diesen Tagen auf das Rennrad. Dabei geht es mir nicht um das Anfahren touristischer Ziele oder das gemütliche Radelerlebnis. Ziel ist die Erfahrung körperlicher Leistungsfähigkeit, die sich niederschlägt in Höhenmetern, Entfernung und Geschwindigkeit. Höher, schneller, weiter! Es ist der Kampf, allein auf der Straße, Mann und Material! Der Weg wird für mich dann zur Herausforderung, wenn es bergauf geht und ich mit kräftigen Pedalschlägen eine Passstraße erklimme. Ein Hang ist für mich eine Versuchung, ein Angebot: die steile Straße ist mein Freund und die unmittelbare Erfahrung auf den dünnen Reifen, die jede Unebenheit der Straße sofort zurückmelden, das filigrane, kunstvoll konstruierte Rad, das jedes Aufbäumen der Kräfte in Vortrieb, jedes Zurücknehmen in sofortige Verzögerung umwandelt und das Brennen der Oberschenkelmuskeln, die im perfekten Zusammenspiel die Steigung buchstäblich erfühlen, durchfühlen, diese Erfahrung zieht mich aus der bequemen Ebene immer wieder auf die Rampen der Hügellandschaft des Wiehengebirges. Wenn ich dann auf dem Hügelkamm bin, die Straße flacher wird und wieder beginnt abzufallen, dies sind für mich auch geistliche Momente. Nahe dem offenen Himmel sein! Es ist vollbracht, das Werk ist getan! Der Geist war stark!
Am letzten Sonntag feierten die Christen unserer Stadt das Hochfest Pfingsten. Nach seiner Erlösungstat durch seinen Tod am Kreuz ist der Herr immer wieder als der Auferstandene den Jüngern und vielen weiteren Menschen erschienen. Es brauchte Zeit, Momente der Begegnung, des Berührens, des Sich-berühren-lassens, um diese tiefe Wahrheit ins Herz dringen zu lassen. Nun ist für Christus das Werk getan, der Lauf vollendet, der steile Hang seiner irdischen Existenz erklommen. Auch dieser Weg musste erkämpft, erfühlt, durchfühlt werden, um erfüllt zu sein. Und der sich öffnende Himmel, in den er aufstieg und vor
den Augen der Jünger verschwindet: er ist eine Verheißung der Heimat, auf die wir zugehen, die aber auch auf uns im Gekreuzigten zugeht!
Pfingsten bedeutet, dass er und der Vater, was wir im filioque des Glaubensbekenntnis bekennen, im Heiligen Geist gegenwärtig unter uns bleiben. Christliches Leben gelingt dann, wenn wir uns der lebendigen Präsenz des Heiligen Geist in unserem Denken, Beten, Handeln, Fühlen und Erhoffen, in unserer konkreten Be-Geisterung bewusst sind. Dazu braucht es aber auch immer wieder die Gabe der Unterscheidung der Geister, wie der Hl. Ignatius es uns lehrt.
Auch unser Lebensweg muss erfühlt, durchfühlt werden. Es ist unsere Hoffnung, dass er letztlich durch das Geheimnis der Auferstehung des Herrn, im unverdienten Geschenk des Heiligen Geist beim Vater erfüllt sein wird.
Ich wünsche Ihnen sonnige Tage und immer wieder neu die Gaben des Heiligen Geistes!

David F. Sonntag

David F. Sonntag

Pastor am Dom zu Minden

Feuer und Flamme

Gerade erinnerten sich die Israelis an ihre Staatsgründung vor 70 Jahren.  Mehr als 50 Palästinenser starben gleichzeitig bei ihren Angriffen auf die verhassten Grenzanlagen am Gaza-Streifen. Da ist es geradezu irritierend, ein paar Tage später einfach  den bunten Geburtstag der Kirche zu begehen, ja zu feiern. Pfingsten ist das christliche Fest der Geist-Ausgießung. So erst entstand und entsteht Kirche. Gottes Geist weht – und Kirche entsteht. Und genau in Jerusalem, der sogenannten Hauptstadt der Religionen, ging es vor fast 2000 Jahren los mit dieser Pfingstgeschichte. In Jerusalem, so lässt sich vereinfacht sagen, steht die Wiege des Christentums. Petrus predigte, wie uns die Apostelgeschichte es nacherzählt. 50 Tage nach Kreuzigung und Tod, nach einer Zeit unglaublicher Auferstehungserfahrungen – da sprach er von Jesus. Über Jesus. Im Namen Jesu. Und plötzlich wehte und brauste der Wind, der Geist, der Atem des Mannes aus Nazareth. Aber es war nicht der menschliche Geist nur eines liebevollen Wundertäters und vielbeachteten Redners. Es war der Geist, den Gott selbst schickte. Der die Menschen erfasste. Und sie waren, so verschieden sie alle dort in Jerusalem versammelt waren: Feuer und Flamme. Für die Sache Jesu. Dabei kamen die jüdischen Festbesucher bei dieser Geburtsstunde der Kirche aus aller Herren Länder, aus heute vergessenen Landschaften wie Phrygien und Pamphylien. Und sie sprachen eigentlich ganz verschiedene Sprachen. Beste Bedingungen waren das für schreckliches Unverständnis. Doch – der Geist Gottes führte sie zusammen. Gott selbst begeisterte die Menschen, erfüllte sie mit der Botschaft und Kraft Jesu – damals in Jerusalem. Tausende ließen sich taufen, fanden zu einer betenden, weitererzählenden und Güter teilenden Gemeinschaft zusammen. Und heute? Pfingsten überwindet alle Kultur- und Sprachunterschiede. Pfingsten vereinigt ganz unterschiedliche Menschen aus aller Herren Länder zu einer Gemeinde. Das kann Gottes Geist. Pfingsten ist also so ziemlich das Gegenteil von ängstlichem Verkriechen oder rassistischer Hetzerei. Dutzende christlicher Glaubensrichtungen werden auch dieses Jahr in Jerusalem Pfingsten feiern. Gleichzeitig ist einer christlichen Gemeinde `im Heiligen Land´ die friedliche Zusammenarbeit mit Jüdinnen und Juden, Muslimminnen und Muslimen eine Selbstverständlichkeit, wenn sie die Aufforderung des Apostels Paulus im Römerbrief ernst nimmt: „Haltet Frieden mit jedermann, so viel an euch ist.“ Wo Pfingsten Menschen Feuer und Flamme macht, können wir uns die Feuerflammen von Molotow-Cocktails und Panzern sparen.

Dr. Jörg Bade

Dr. Jörg Bade

Pfarrer am Leo-Sympher-Berufskolleg in Minden

Zu wem gehörst du?

Himmelfahrt ist vorbei, und Pfingsten noch nicht da. Im Ablauf des Kirchenjahres nimmt der Sonntag Exaudi zwischen diesen beiden christlichen Festen eine Sonderstellung ein. Er spiegelt die Stimmung wider, in der die Jünger sich befanden, nachdem Jesus in den Himmel zurückgekehrt war. Sie sind für einige Tage in einer kaum erträglichen Spannung. Das Vergangene hat nun keine Bedeutung mehr, und das Zukünftige hat keine Kraft. Die Gegenwart, in der sie machtlos sind, stellt ihnen die Frage: Zu wem gehörst du?
Ich beobachte, dass im Moment mehr Menschen in Deutschland die Frage bewegt, was zu unserer Herkunft und der Prägung unseres christlichen Abendlandes gehört. Fast 2000 Jahre nach Christi Himmelfahrt können wir feststellen, dass sich viele gute Werte zurückführen lassen auf den christlichen Glauben. Nächstenliebe, die gleichberechtigte Stellung der Frau, und die Achtung der Schöpfung haben in der Bibel ihre Wurzeln. Wir vermissen diese Werte in manchen anderen Kulturen und Ländern. Inzwischen leben aber in Deutschland Menschen mit vielen unterschiedlichen Hintergründen zusammen. Die Konflikte lassen sich nicht länger verschweigen. Eltern und Lehrer von Schülern in Hamburg berichten über „Vorkommnisse beginnender religiöser Konflikte und Beleidigungen auf dem Schulhof und im Schulalltag“. Religiöses Mobbing muss in unserem Rechtsstaat sicher juristisch thematisiert werden. Aber das genügt nicht. Inhaltlich kommen wir Christinnen und Christen nicht mehr darum herum, uns zu unseren Werten und zu unserem Glauben zu bekennen.
In diese Spannung hinein erklingt als Erinnerungsruf die Rede Jesu, in der er den Tröster, seinen Geist, verheißt: „Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh 14,26) Christinnen und Christen leben von der Erinnerung an ihre Wurzeln.
Ganz am Anfang steht in vielen Biografien die Taufe. Tauftage zu feiern ist ein guter Anlass, dass wir uns in unserem Umfeld dazu bekennen, zu wem wir gehören. Meine Enkelkinder Hannes und Paul hatten Anfang April ihren dritten Tauftag. Die beiden Taufkerzen wurden angezündet. Paul wurde gefragt, warum seine Kerze brennt, und er sagte: „Weil ich ein Freund von Jesus bin“. Besser kann man es nicht sagen. Darauf kann man nicht nur ein Gespräch, sondern ein ganzes Leben und ein gutes Miteinander aufbauen.

Eberhard Baade

Eberhard Baade

Pfarrer, Ev. Kirchengemeinde Bergkirchen