Wort zum Sonntag
Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.
„Fürchte dich nicht, glaube nur!“
Angst beginnt oft leise. Manchmal beim Blick aufs Handy am Morgen, zwischen Eilmeldungen und dem eigenen Terminkalender. Manchmal mitten in einem ganz normalen Gespräch, wenn plötzlich eine Frage hängen bleibt: Wie sicher ist das alles eigentlich noch? Wir kennen diese Unruhe, die sich nicht einfach abschütteln lässt. Sorgen um die Familie, den Frieden in der Welt. Auch der Glaube bleibt davon nicht verschont. Zweifel melden sich, vertraute Gewissheiten geraten ins Rutschen.
In diese Wirklichkeit hinein spricht Jesus einen Satz, der fast zu schlicht wirkt: „Fürchte dich nicht, glaube nur!“ (Mk 5,36). Er sagt ihn zu Jaïrus, einem Vater, der gerade die schlimmste Nachricht erhalten hat. Seine Tochter ist tot. Nichts ist gut, nichts ist heil. Und Jesu Worte machen das Geschehene nicht ungeschehen. Vielleicht tun sie sogar weh, weil sie Jaïrus nicht in der Verzweiflung stehen lassen, sondern ihn herausfordern, weiterzugehen.
Wer glaubt, weiß: So einfach ist das nicht. Glaube ist kein Licht, das man anknipst und sofort ist alles hell. Er ist ein Weg – manchmal mühsam, oft widersprüchlich. Er verlangt Schritte, obwohl der Ausgang unklar bleibt. Jaïrus geht diesen Weg. Nicht heldenhaft, sondern zögernd, und vielleicht gegen den Gedanken: Es hat keinen Sinn mehr.
Und doch ist dieser Glaube mehr als reine Willenskraft. Er ist zugleich Geschenk. Gott traut dem Menschen Vertrauen zu – und schenkt zugleich, was er verlangt. Wo wir uns ihm aussetzen, wirkt er: unspektakulär, aber verlässlich. Das Wunder an Jaïrus’ Tochter weist über sich hinaus. Es erzählt von einem Gott, der dem Tod nicht das letzte Wort lässt.
„Glaube nur“ heißt deshalb nicht: Verdränge deine Angst. Es heißt: Lass dich von ihr nicht regieren. Wage Vertrauen – immer wieder neu. Dieser Weg bewahrt nicht vor Brüchen. Aber er eröffnet eine Hoffnung, die trägt. Auch dann, wenn das Leben schwer bleibt. Und vielleicht bleibt die Frage: Welche Schritte kann ich heute wagen, auch wenn die Angst da ist?

Priester Oliver Rütten
Bezirksvorsteher Neuapostolische Kirche Minden
Knoten lösen
Lächelnd streicht sie das glänzende Band glatt. Jetzt nur noch über die Hand aufrollen, dann ist der letzte Weihnachtsknoten gelöst. Sie löst in jedem Jahr die Knoten aus den schimmernden oder samtenen Geschenkbändern. Für sie endet damit Anfang Januar die Weihnachtsfestzeit und ihre Gedanken gehen zurück auf die Festtage.
Eigentlich ist das Knotenlösen eine symbolische Aufgabe, denkt sie. Es gibt ja immer Verknotetes, Verwirrtes und Verschlungenes, das sich an den Familientagen in wechselnder Zusammensetzung zeigt. Vorfreude, Aufregung, Anstrengung, unterschiedliche Charaktere und Temperamente treffen aufeinander. Keine einfache Gemeinschaft zwischen Freude und Last. Manche Streitereien sind wie die Knoten vor ihr. Die Einen sind nur mit Geduld und Anstrengung zu lösen, die Anderen öffnen sich, sobald sie daran zieht. Manche Konflikte brauchen nur eine Atempause, um sich zu klären. Andere Verwicklungen benötigen ein offenes Ohr, ein vertrauensvolles Gespräch und einen guten Rat.
Sie blickt auf die Bänder unter ihren Händen. Sie hat auch diese ganz eng gezogenen Knoten gelöst, mit Mühe und dem aufsteigenden Wunsch sie einfach abzuschneiden, damit das Band glatt vor ihr liegt. Aber um im Bild zu bleiben: So ist das Leben nicht. Das Abschneiden löst die Konfliktknoten nicht. Oft ist an den Weihnachtstagen ein ganzes Knäuel an Lebensfäden vorhanden, manchmal so eng ineinander verschlungen, dass die Fäden kaum noch unterscheidbar sind. Schneidet oder schlägt man sie durch, bleiben auf beiden Seiten die gleichen Verwirrungen wie vorher. Um das Lösen der Knoten kommt niemand herum, denkt sie.
Sie lächelt in sich hinein. Einige Knoten darf man nicht lösen, denn sie halten lose Enden fest zusammen oder sie bilden Netze, die uns auffangen und tragen. In der Bibel heißt es: Ein dreifaches Seil reißt nicht so schnell. Ja, Gottes Kraft stärkt Freundschaft, Liebe und Verbundenheit. Das hat sie oft erlebt – gerade an Festtagen. Noch einmal streicht sie über das schimmernde Band.

Pfarrerin Ulrike Lipke
Schulreferentin der Kirchenkreise Minden, Lübbecke und Vlotho
Gedanken zum Sonntag, den 04.01.2026
Haben Sie schon mit jemanden Streit gehabt, so einen richtigen?
Wenn nicht, so brauchen Sie weiter nicht zu lesen, die Andacht wird Ihnen nichts zu sagen haben.
Wenn aber eine solche Erfahrung Ihnen nicht fremd ist, dann lesen Sie bitte weiter, der Text wird Sie zunächst mächtig irritieren, vielleicht sogar ärgern, aber am Schluss werden Sie eine wunderbare Befreiung erleben.
Es soll ja Menschen geben, die über eine Rechtsschutzversicherung verfügen, man soll sich nichts gefallen lassen. Es gibt einen Spruch in der Bibel, der eine gute Werbung für die Rechtsschutzversicherung sein könnte, der beginnt mit den Worten: Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse. Also lass Dich nicht vom Bösen überwinden, „sondern schließe eine Rechtsschutzversicherung ab“. Dann wird der Übeltäter schon sehen, was er davon hat.
ABER NEIN, es heißt: „sondern überwinde das Böse mit Gutem“.
Eine Zumutung – wir werden zur Barmherzigkeit aufgerufen. Die Barmherzigkeit ist eine liebliche Sache, wenn Sie uns selbst gilt. Aber was ist, wenn die Barmherzigkeit jemanden gelten soll, der uns Böses tut? Dann legen wir meistens keinen Wert auf Barmherzigkeit, sondern verlangen Gerechtigkeit. – Und gerade hier spielt Gott nicht mit. „Und vergib uns unsere Schuld“…
Wir haben im Umgang mit erlittenem Bösen zwei Möglichkeiten: Die Vergebung zu verweigern und sich dadurch an den Übeltäter zu binden. Er kann tausende Kilometer von uns entfernt sein und steht trotzdem mit der Peitsche an unserem Bett und raubt uns die Ruhe und den Schlaf und damit auch die göttliche Vergebung unserer Schuld.
Oder wir können dem Übeltäter die Vergebung, auf die er wahrscheinlich keinen Wert legt, einfach hinterherwerfen, damit von der Bitterkeit frei werden und Frieden mit Gott erlangen.
Lass Dich nicht vom Bösen überwinden – man hat seinen Widersacher erst dann wirklich überwunden, wenn man seine Freundschaft gewonnen hat. Dazu brauchen wir die Kraft von oben, aber die kriegen wir. Mit unserer Macht ist nichts getan.

Daniel Brüll
Pfarrer, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Petershagen