Wort zum Sonntag
Das „Wort zum Sonntag“ von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Mindener Land gibt es in der Samstagsausgabe des Mindener Tagesblatts – und darüber hinaus auch hier.
Sehen Sie es?
„Tut das weh?“, fragt das kleine Mädchen seine Mutter und zeigt auf das Kreuz in der Kirche. Die Mutter erschrickt. Mit ganzer Wucht wird ihr bewusst, was ihre Tochter entdeckt hat: nicht den barmherzigen Gott, zu dem sie Abend für Abend beten, sondern den ohnmächtigen Gott, den leidenden Christus. Dort hängt er am Kreuz über dem Altar, Nägel in Händen und Füßen, eine Dornenkrone auf dem blutigen Kopf.
Das Kreuz ist kein harmloses Zeichen. Es steht in den Tagen vor Ostern im Mittelpunkt des Geschehens und mit ihm die Geschichte von Jesu Leiden und Sterben.
„Tut das weh?“ Ja, es tut schrecklich weh, nicht nur für den, der am Kreuz hängt, sondern auch für die, die hinschauen. Bei denen immer wieder Fragen hochkommen:
Gab es keinen anderen Weg? Braucht der liebende Gott Opfer?
Man versteht es nicht. Man versteht Gott nicht. Den Weg, den er geht. Die Dinge, die er zulässt und nicht verhindert. Das Nicht-Eingreifen in meinem eigenen Leben, als ich ihn so dringend gebraucht habe.
Die Spuren desjenigen zu erkennen, den wir den liebenden nennen, den, der niemanden fallen lässt, ist nicht immer einfach.
Manchmal muss man genau hinschauen, nachschauen, noch mal alles durchschauen, um dahinter Gottes Antlitz zu entdecken. Ein Antlitz, das uns mit Liebe ansieht, immer und überall.
So erging es mir auch mit dem Gesicht, bzw. der Maske auf dem Bild.
Schauen Sie ca. 30 Sek. auf die vier kleinen Punkte in der Mitte des Bildes. Dann schauen Sie auf eine Wand (möglichst ohne Muster). Langsam bildet sich ein heller Kreis. Wenn man nun mit den Augen blinzelt, sieht man, wie ein Gesicht entsteht. Erkennen Sie es?

So ist das wohl mit so manchen Dingen, die wir erleben: Wir starren auf das Vordergründige, auf die Maske. Aber erst, wenn wir unseren Blick weiten, versuchen, dahinter zu schauen, entdecken wir ein Gesicht. Es ist das Gesicht unseres Gottes, der uns mit Liebe anblickt.
Wenn wir ihn sehen, durch alles hindurch, wird es Ostern in uns.
Lasst uns dafür unsere Augen offenhalten.

Esther Witte
Pfarrerin der Ev.-Luth. Kirchengemeinden in Schlüsselburg, Heimsen, Windheim/Neuenknick
Hoffnungszeichen
Es ist für mich in jedem Jahr um diese Zeit wieder faszinierend, wie sie mitten im Winter, manchmal noch im Schnee, tapfer ihre Köpfe aus dem Boden schieben und sich dann ihre Blütenkelche entfalten. Schneeglöckchen, für mich immer wieder ein Hoffnungszeichen, dass trotz der Kälte der Frühling kommt.
Und das brauchen wir, solche Hoffnungszeichen:
– Auch wenn die Pandemie noch hohe Zahlen zeigt, die Hoffnung, dass doch eine deutliche Veränderung schon bald möglich scheint.
– Wenn man mitten in der Trauer um einen lieben Angehörigen oder Freund ist, dass doch das Leben weitergeht und andere Zeiten kommen.
– In einer langen Phase der Arbeitslosigkeit, dass doch ein Bewerbungsgespräch Aussicht auf einen neuen Job gibt.
Bestimmt nicht immer kann die Hoffnung sein, dass alles ist wie vorher, das zeigen alle drei Beispiele. Wir müssen mit Verlust und Veränderung leben.
Aber Hoffnungszeichen meint: Wir spüren, dass das Leben weitergeht. Manchmal heißt es einfach, wahrzunehmen, dass wir nicht allein sind.
Gott will uns dies zusprechen: Ich weiß wohl was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leidens, dass ich euch Zukunft und Hoffnung gebe. So sagt er es durch den Propheten Jeremia seinem Volk Israel in schwieriger Zeit.
Vielleicht entdecken Sie in diesen Tagen draußen ein Büschel Schneeglöckchen. Sie sind unscheinbare Frühblüher, beeindruckend vor allem, weil sie meist in Vielzahl auftreten, in großen Drubbeln. Auch wir können gerade in der Gemeinschaft füreinander solche Hoffnungszeichen sein, uns Beistand geben.
Da sind noch die anderen Glocken, die sonntags, manchmal auch alltags ertönen. Sie laden uns ein in eine solche Gemeinschaft mit Gott und anderen Menschen. Sie rufen uns zu: Gott liebt dich und will dir nahe sein, er hat Gedanken des Friedens und der Hoffnung auch für dich.

Andreas Wilmsmeier
Pfarrer, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Hartum-Holzhausen
Mittelmaß
Mitte Januar war ich für ein paar Tage in Berlin. Am Straßenrand lagen anfangs noch die sorgfältig abgeschmückten Weihnachtsbäume als letzter Gruß vom großen Fest. Sage und schreibe 356 000 davon hat die Berliner Stadtreinigung in diesem Jahr eingesammelt und geschreddert. Zwischenzeitlich jedoch erfüllten einige dieser Nadelgehölze einen Zweck, mit dem ich so nicht gerechnet hatte: Obdachlose Menschen in den Seitenstraßen am Alex und anderswo hatten sich aus dem Geäst einen Windschutz gebaut für ihr nächtliches Lager unter freiem Himmel im eisigen Winterwind der Hauptstadt. Der Anblick irritierte. Eigentlich ist es ja eine höchst sinnvolle Zwischennutzung dieses Reliktes bürgerlicher Weihnachtsseligkeit, könnte man meinen. Aber die Kontraste sind nur schwer erträglich. Dort jemand, dessen gesamte Habe in einem entwendeten und zweckentfremdeten Einkaufswagen Platz hat, und wenige Schritte weiter eine völlig andere Welt: Chic gekleidete Menschen schlendern lässig durch die Luxuswarenabteilungen im KaDeWe, nehmen die vierstelligen Preisschilder sportlich und können sich scheinbar alles leisten.
Ein Bibelwort kam mir in den Sinn, ein Gebet, das im alttestamentlichen Buch der Sprüche, Kapitel 30, Vers 8 und 9 überliefert ist:
Armut und Reichtum gib mir nicht, lass mich aber mein Teil Speise dahinnehmen, das du mir beschieden hast. Ich könnte sonst, wenn ich zu satt würde, verleugnen und sagen: Wer ist der Herr? Oder, wenn ich zu arm würde, könnte ich stehlen und mich am Namen meines Gottes vergreifen.
Die goldene Mitte zwischen Reichtum, der satt macht und überheblich, und Armut, die verzweifeln lässt, – ja das sollte es ein. Darum wollen wir bitten und dafür eintreten in unserem Land und weltweit, damit nicht wenige alles haben und viele nichts und nicht scheinbar unendlicher Wohlstand dort elender Armut hier so hart begegnet. Jesus hat den Armen Respekt und Augenmerk erwiesen, aber er hatte auch keine Berührungsängste und war öfters zu Gast bei Wohlhabenden. Beiden hat er das Evangelium von der unbedingten Liebe Gottes gebracht. Dieses Evangelium aber schließt weltveränderndes Handeln nicht aus, sondern ein.
Einen gesegneten Sonntag wünscht

Christian M. Weber
Pfarrer, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Hartum-Holzhausen